Donnerstag, 27. April 2017

Vereinbarkeit ja – Fairness nein?

Beitrag
Dr. Elisabeth Mantl, Auditorin der berufundfamilie Service GmbH

Frau Müller ist Führungskraft in der Personalabteilung eines Dienstleistungsunternehmens. Neuerdings bietet ihr Unternehmen Workshops zum familienbewussten Führen an. Dort berichtet sie von ihren täglichen Nöten. Anders als bei ihrem Vorredner gibt es in ihrem Team zwar kaum Stress um den Urlaub, dafür umso mehr mit der Absicherung von Ansprechbarkeiten und Arbeitsfähigkeit. Von ihren acht Mitarbeiter/innen sind vier junge Mütter. Alle vier haben familienbedingt ihre Arbeitszeit auf 30 Stunden reduziert. Sie haben sich innerfamiliär so arrangiert, dass sich ihre Partner/innen morgens um die Kinder kümmern und sie zur Kita bzw. zur Schule bringen. Die Frauen holen die Kinder ab. Um Mehrausgaben bei der Betreuung zu sparen, legen die Mütter darauf wert, ihre Kinder spätestens um 15:00 Uhr abzuholen.

Drei der Mütter fangen deshalb täglich um 8:00 Uhr an und gehen um 14:00 Uhr. Die vierte ist schon um 7:00 Uhr da, damit sie um 13:00 Uhr gehen kann. Ihre Tochter ist gerade eingeschult worden und weil sie noch schnell müde wird, soll sie vorerst nicht in den Hort.

Eine weitere Mitarbeiterin von Frau Müller arbeitet zwar Vollzeit, pflegt aber ihren schwer kranken Mann. Sie fällt infolgedessen oft aus und ist nur begrenzt belastbar. Ein weiterer Mitarbeiter trainiert eine Kinderfußballmannschaft. Deshalb geht auch er zweimal die Woche um 15:00 Uhr. Montags und mittwochs arbeitet er bis 19:00 Uhr, eine Stunde pro Woche lässt er sich im Rahmen der Entgeltumwandlung anrechnen. Er hat also eine 38 Stunden Woche.

Interessenausgleich häufig auf der Strecke


Bleiben noch eine Mitarbeiterin und ein Mitarbeiter, die in Vollzeit arbeiten und aktuell keine zwingenden Familienaufgaben zu organisieren haben. Sie sind inzwischen reichlich genervt. Die durch Teilzeit freigesetzten Aufgaben werden irgendwie im Team umverteilt. In der Regel bleibt die Arbeit an diesen beiden Vollzeitbeschäftigten und an Frau Müller selbst hängen. Außerdem können allein sie die Ansprechbarkeit des Teams bis in die Abendstunden gewährleisten. Eigentlich, so deren nachvollziehbare Klage, würden auch sie gern mal die Gleitzeitoption nutzen und früher Feierabend machen, auch wenn sie aktuell keine familiären Pflichten haben.

Frau Müller hat all dies bereits bei ihren Beschäftigten angesprochen, auch dass diese Situation ungerecht denen gegenüber sei, die aktuell keine Familienpflichten übernehmen. Aber alle haben einen wirklich überzeugenden Grund, warum Umfang und Lage der Arbeitszeit ausschließlich so und nicht anders möglich sind. Wie aber soll sie Arbeitsfähigkeit und eine gerechte Aufgabenverteilung im Team gewährleisten? Diese Frage stellt sich nicht nur Frau Müller. Viele Führungskräfte sind in einer ganz ähnlichen Situation.

Geforderte Führungskräfte: Betriebliche und private Interessen sowie Teambelange ausgleichen (©Death to Stock)

Nötig sind strukturelle Lösungen und kompetente Führungskräfte


Dies zeigte jüngst auch wieder ein breit angelegtes Forschungsprojekt der Hans-Böckler-Stiftung. Nachhaltige Förderkonzepte zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie benötigen einen Ausgleich der betrieblichen und privaten Interessen sowie der Anliegen aller Teammitglieder (http://www.elisabeth-mantl.de/). Viele Führungskräfte stehen dem Thema heute aufgeschlossen und sensibel gegenüber. Für eine gelingende Umsetzung im Interessenausgleich brauchen sie jedoch strukturierte Vertretungslösungen, flexible Instrumente, betriebliche Unterstützung und Weiterbildung.

Interessenausgleich möglich


Frau Müller hat im Anschluss an den Workshop eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt. Frau Müller konnte in einem Gespräch mit dem Organisationsreferat erreichen, einige der freigesetzten Stellenanteile zusammenzulegen und als befristete ¾-Stelle auszuschreiben. Zudem hat sie sich mit ihrem Team zusammengesetzt, um eine gerechtere Verteilung von Präsenzzeiten und Ansprechbarkeiten zu finden. Ziel war, dass das Referat montags bis donnerstags bis 17:00 Uhr mit jeweils vier Personen besetzt ist. Nach anfänglichen Protesten teilen sich nun auch die Teilzeitbeschäftigten im Wechsel in die Spätdienste mit ein. Zu guter Letzt ist Frau Müller nun auch mit der Mitarbeiterin im Gespräch, die ihren schwer kranken Mann pflegt. Sie soll künftig die Möglichkeit erhalten, bedarfsorientiert auch von zu Hause aus zu arbeiten. So spart sich die Mitarbeiterin belastende Wegezeiten und ist bei Bedarf für ihren Mann unmittelbar verfügbar. Gleichzeitig entlastet sie ihre Kolleg/innen, indem sie so effektiver zur Aufgabenbewältigung beitragen kann.

Führungskräfte brauchen Wissen und Ermächtigung


Für Führungskräfte wie Frau Müller ist es überaus hilfreich, in speziellen Fortbildungsangeboten mehr Sicherheit in Bezug auf rechtliche Vorgaben, Instrumente und Möglichkeiten des Ausfallsmanagements und des Interessenausgleichs zu gewinnen. Ebenso wichtig sind Erfahrungsaustausch, kollegiale Beratung und gemeinschaftliche Bearbeitung konkreter Fallbeispiele. Immer mehr Arbeitgeber*innen bieten vor diesem Hintergrund spezielle Weiterbildungs- und Austauschformate zum „familienbewussten Führen im Ausgleich der Interessen“ an.

BSR Best Practice bei der Förderung familienbewussten Führens im Interessenausgleich


Genau mit diesem Ziel hat beispielsweise die Berliner Stadtreinigung (BSR) Seminare zum familienbewussten Führen zu einem festen Bestandteil des jährlichen Weiterbildungsangebotes für Führungskräfte gemacht. Sie geben Einblick in rechtliche Rahmenbedingungen, vermitteln das betriebliche Verständnis von familienbewusstem Führen, eröffnen die Möglichkeit zum regelmäßigen Erfahrungsaustausch und klären die Rolle der Führungskraft. Seminare dieser Art können helfen, sowohl Rechtsansprüche als auch Spielräume der Grenzziehung und Steuerung auszuloten, die nötig sind, um betriebliche, private und Teaminteressen auszugleichen. Hinzu kommt bei der BSR die Unterstützung für betriebsinterne Netzwerke wie z. B. dem Familiennetzwerk, dem Netzwerk Pflege, die den Austausch ebenso fördern wie das gegenseitige Verständnis.






Auditorin Dr. Elisabeth Mantl (©privat)

Dr. Elisabeth Mantl ist Historikerin, Soziologin und diplomierte Weiterbildungsmanagerin. Sie ist Inhaberin des Kompetenzbüros für Familie, Demografie und Gleichstellung und Auditorin für das audit berufundfamilie und das audit familiengerechte hochschule. Sie bietet Organisationsberatung, Prozessbegleitung, Führungstrainings und Moderationen in den Bereichen Vereinbarkeit von Beruf/Studium und Familie sowie Gleichstellung und Diversität an.

Mittwoch, 19. April 2017

Kleine Maßnahmen mit großer Wirkung – Drei familienbewusste Arbeitgeber zeigen, wie es geht!




Kostenbewusste Lösungen familienbewusster Arbeitgeber (©deathtothestockphoto.com)



Was können Arbeitgeber ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bieten, damit sie Beruf, Familie und Privatleben besser vereinbaren können? Muss es der Betriebskindergarten oder die neue Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeitregelung sein? Geht es auch kostenbewusst und weniger aufwendig? Unsere Antwort lautet: Ja, und ob! Drei Beispiele unterschiedlicher Unternehmen zeigen: Auch kleine Maßnahmen haben eine große Wirkung. 

1.  Info-Box für Schwangere und Rentner


Auch wenn der neue Lebensabschnitt keineswegs plötzlich kommt: Für werdende Eltern oder Rentner bedeutet die zeitweise Unterbrechung bzw. das Ende des Berufslebens meist einen Einschnitt. Ohne den täglichen Gang zur Arbeit ändert sich der Tagesablauf von einem Tag auf den anderen und andere Herausforderungen müssen bewältigt werden.
Eine Infobox für Schwangere und Rentner erleichtert den Mitarbeitern den Übergang in ihren neuen Lebensabschnitt. Das kleine Geschenk enthält für Schwangere z.B. Informationen zum Mutterschutz und Elternzeit, Empfehlungen zum Thema Kinderbetreuung sowie eine Einladung zum unternehmenseigenen Elterntreff. Rentner dürfen sich z.B. über Anregungen zur Freizeitgestaltung, Informationen zur weiteren Erwerbstätigkeit oder die Einladung im Unternehmen aktiv zu bleiben, freuen. Mit der Infobox bringt das Unternehmen Wertschätzung zum Ausdruck und überreicht zugleich eine Einladung weiterhin mit den Eltern und ehemaligen Arbeitnehmern in Kontakt zu bleiben.


2. Meeting-freier Freitag



Interne Meetings finden von Montag bis Donnerstag statt. Und freitags? Wird einfach darauf verzichtet!
Ein Meeting-freier Tag hat mehrere Vorteile: Zum einen profitieren alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter davon, an einem Tag in der Woche ungestört arbeiten zu können. Zum anderen ermöglicht ein terminfreier Kalender denjenigen, die eine weite Strecke zwischen Arbeit und Zuhause zurücklegen müssen, rechtzeitig ins Wochenende starten zu können. Und darüber hinaus können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die im Homeoffice arbeiten, unkompliziert ihrer Arbeit von Zuhause aus nachgehen.
Kurzum: Ein Meeting-freier Freitag schafft auf zuverlässige Weise Arbeitszeitflexibilität.


 

3. Windelgutscheine


Beschäftigte mit Kindern bis zu drei Jahren erhalten ab Geburt drei Mal einen Gutschein im Wert von 30,- Euro. Der Windelgutschein wird per Hauspost überreicht und das Schreiben durch aktuelle Informationen zu weiteren familienbewussten Angeboten des Unternehmens ergänzt. Die Eltern freuen sich über die Aufmerksamkeit ihres Arbeitgebers und erhalten zugleich aus erster Hand passende Neuigkeiten.

Weitere kostenbewusste Lösungen gesucht. Welche familienbewussten Angebote bietet Ihr Unternehmen an?

Donnerstag, 13. April 2017

CSR Job Award: Wunscharbeitgeber 2017 gesucht


CSR Jobs Award 2017: Wunscharbeitgeber gesucht
(©CSR Jobs GmbH)


In diesem Jahr prämiert das Employer Branding Beratungsunternehmen CSR jobs & companies zum vierten Mal Arbeitgeber „mit Verantwortung“. Gesucht werden Beispiele aus der Unternehmens- und Management-Praxis, an denen die besondere Verantwortung der Arbeitgeber bei den Bewerberinnen und Bewerbern als „Wunscharbeitgeber“ deutlich wird. Die zehn überzeugendsten Arbeitgeber werden ausgezeichnet. 

Unter www.csr-jobs.de können sich Unternehmen, Behörden und Institutionen mit Sitz in Deutschland bis zum 30. Juni 2017 bewerben.

 

Familienkultur von hoher Relevanz


Wie stellen sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer heute ihren Wunscharbeitgeber vor? Aktuelle Studien zeigen, familienbewusste Arbeitsbedingungen stehen bei der Wahl des Arbeitgebers ganz weit oben. „Ein hohes Gehalt alleine zieht nicht mehr.“ weiß Oliver Schmitz, Geschäftsführer der berufundfamilie Service GmbH und Jury-Mitglied des CSR Job Awards. „Unsere fast zwanzigjährige Erfahrung zeigt: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer möchten heute mehr denn je in einem Umfeld arbeiten, in dem sie Beruf, Familie und Privatleben unter einen Hut bringen können. Bietet ein Unternehmen das nicht, ist es weniger attraktiv für Bewerberinnen und Bewerber.“ so Oliver Schmitz.


Deshalb ist die „Familienkultur“ eine sehr wichtige Kategorie unter den insgesamt zehn Kategorien des Awards. Oliver Schmitz auf die Frage, was eine Familienkultur kennzeichnet: „Plakative oder punktuelle Angebote reichen nicht aus, um ein familienbewusster und somit attraktiver Arbeitgeber zu sein. Hingegen zeichnet sich eine familienbewusste Unternehmenskultur durch Angebote aus, die zu den Bedürfnissen der Mitarbeiter und den Rahmenbedingungen des Standortes und der jeweiligen Branche passen. Nur so können die Angebote langfristig aufrechterhalten werden und sich die Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Unternehmen verankern.“

 

Die Kategorien des Awards im Überblick


Insgesamt wählt die Jury die Arbeitgeber aus zehn Kategorien aus. Neu in diesem Jahr sind die Kategorien „Unsere Vielfalt“, „Unsere Qualifizierung“ und „Unser Inklusionsprogramm“: 


  • Unsere Werte – Werte und Leitbild des Unternehmens
  • Unsere Vielfalt – Förderung der Vielfalt im Unternehmen
  • Unsere Qualifizierung - Programme und Methoden, zur Förderung der Potenziale von Mitarbeitern
  • Unser Inklusionsprogramm – Maßnahmen für Inklusionsprogramme
  • Unsere Familienkultur – gelebte Modelle zur Unterstützung von Mitarbeitern mit familiären Aufgaben
  • Unsere Flüchtlingshilfe – Programme zur Integration von Flüchtlingen
  • Unser soziales und gesellschaftliches Engagement – Aktivitäten des Unternehmen im Bereich gesellschaftliches Engagement
  • Unser Personalmanagement – Ausbildungs- oder Personalentwicklungsmodelle, Arbeitsbedingungen im Allgemeinen
  • Unser Nachwuchs - besondere Ausbildungsprogramme oder Förderung von Young Professionals
  • Unsere neue Arbeitswelt - Beispiele verantwortungsvoller Umsetzung der Digitalisierung


Die Teilnahme am Award ist kostenfrei. Weitere Informationen und Bewerbungsformular sind abrufbar unter http://www.csr-jobs.de/csr-jobs-award-2017/.

Medienpartner sind UNICUM, creditreform und handelsjournal.