Freitag, 23. Februar 2018

Tarifabschluss: Recht auf 28-Stunden-Woche – guter Ansatz mit Luft nach oben



Flexible Arbeitszeit entlastet Beschäftigte (©unsplash.com)


Der Tarifabschluss der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg leitete einen Paradigmenwechsel ein. Seit diesem Mittwoch (21.02.2018) sind in allen Tarifgebieten der IG Metall die Verhandlungen durch – und damit gilt ab 2019 für alle Vollzeitbeschäftigten unter den rund 3,9 Mio. Metallerinnen und Metallern: Indem sie selbstbestimmter ihre Arbeitszeit gestalten können, erweitert sich ihr Spielraum Beruf, Familie und Privatleben zu vereinbaren. Doch das Recht auf reduzierte Arbeitszeit macht allein noch keine familien- und lebensphasenbewusste Personalpolitik. 


Der Tarifabschluss der Metall- und Elektroindustrie ist ein Erfolg für die Gewerkschaft und die Beschäftigten. Arbeitnehmer*innen mit Kindern unter acht Jahren oder diejenigen, die einen Angehörigen pflegen, haben nun die Wahl zwischen mehr Zeit oder mehr Geld. Konkret bedeutet das: Gibt es Lücken in der Kinderbetreuung, z. B. durch KiTa-Schließtage bzw. Hortferien oder tritt ein gesundheitlicher Notfall in der Familie ein, können sie bis zu acht zusätzliche freie Tage nehmen oder eine Einmalzahlung in Anspruch nehmen. Außerdem haben sie von nun an das Recht, ihre wöchentliche Arbeitszeit über max. zwei Jahr auf 28 Stunden zu reduzieren.

Was zunächst so klingt, als würde es sich um ein einseitiges Entgegenkommen der Arbeitgeber an die Beschäftigten handeln, kann eine Win-Win-Situation für beide Seiten bedeuten. Denn: Die Möglichkeit, flexibel die Arbeitszeit zu gestalten, schafft Entlastung für Beschäftigte und ermöglicht es ihnen, Beruf, Familie und Privatleben besser zu vereinbaren. Die Unternehmen profitieren u.a. von einer erhöhten Motivation und Bindung der Mitarbeiter und positiven betriebswirtschaftlichen Effekten, wie einer geringeren Fehlzeiten- und Krankheitsquote.

Mit dem Recht auf flexible Arbeitszeit, ist die Arbeit für die Arbeitgeber jedoch nicht getan. „Gerade dort, wo Fachkräfte knapp sind, kann eine einseitige Flexibilität zu einer zusätzlichen Belastung von Kolleginnen und Kollegen führen“, warnt Oliver Schmitz, Geschäftsführer der berufundfamilie Service GmbH. „Um dies zu vermeiden, reicht ein „Recht“ auf flexible Arbeitszeit nicht aus. Wir brauchen auch die Kultur eines Aushandlungsprozesses in den Unternehmen, wo die Belange aller Beteiligten Berücksichtigung finden – die der Arbeitgeber, der Beschäftigten, die eine erhöhte Flexibilität benötigen, und die der Kolleginnen und Kollegen im Team!“


Passgenaue Lösungen stärken Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben


Arbeitszeitreduzierung ist ein möglicher Ansatz für Arbeitgeber, um die Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben zu stärken. Es gibt jedoch darüber hinaus eine Reihe weiterer Stellschrauben, an denen personalpolitisch gedreht werden kann und die sich z.T. auch leichter drehen lassen – z.B. in der Arbeitsorganisation:
  • Schichtbetrieb: Förderung der Selbstverantwortung des Teams Schichten einzuteilen, z. B. durch Schicht-Tausch-Börse oder auch Familienschichten 
  • Maßnahmen zur Reduzierung von Auswirkungen auf die Gesundheit 
  • Förderung der Berufstätigkeit durch Maßnahmen zum Qualifikationserhalt
  • Ausbau des Angebots zur Kinderbetreuung oder Pflegearrangements
  • finanzielle Unterstützung bei familiären Ausnahmesituationen

„Vereinbarkeit bedeutet vor allem kreativ zu werden, um passgenaue Lösungen für die eigene Organisation zu finden. Erst der individuelle Maßnahmenkatalog und eine Kultur, die die Belange aller Akteure berücksichtigt, bringt den erwünschten Nutzen“, betont Oliver Schmitz.

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