Freitag, 22. Januar 2021

Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit: Wieviel Mobilität braucht Vereinbarkeit?

Gesundheit unter dem Dach der familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik fördern – und dabei die Umwelt entlasten (©pixabay.com)


Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben und Ökologie – dass das heute in einem Atemzug genannt wird, ist auch ein Effekt der Coronapandemie. Was geht in Sachen nachhaltige Mobilität und mehr Vereinbarkeit momentan bei den Arbeitgebern? Darauf warfen wir einen ersten Blick in unserem remote café „Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit. Wieviel Mobilität braucht Vereinbarkeit?“. Einige Infos daraus fassen wir in diesem Blog zusammen. 

Haben Sie schon mal den Begriff Nachhaltigkeit gegoogelt? Etwa 156 Mio. Treffer ergibt die Suche momentan. Ein Großteil davon steht im Zusammenhang mit dem Themenfeld Ökologie. Hinzu kommt verstärkt der Link zur Personalpolitik. Im vergangenen Jahr – unter dem Eindruck der Coronapanemdie – ist zudem die ökologische Dimension des Begriffs Nachhaltigkeit stärker in die Vereinbarkeit hineingewachsen.

Ein Aspekt davon ist die sich verändernde Mobilität. Wurden Meetings vor Corona bevorzugt in Präsenzform durchgeführt, ist inzwischen die digitale Form die Regel. Davon betroffen sind Teamrunden, genauso wie Besprechungen mit Kunden und Kooperationspartnern. Das hat seine Auswirkungen: Geschäftsreisen wurden drastisch minimiert. Im November 2020 lag die Zahl der Flugticketbuchungen beispielsweise bei rund einem Prozent des Werts vor der Krise.[1] Und die verringerte motorisierte Mobilität zeigt sich auch deutlich auf den Straßen, wo es um einiges ruhiger geworden ist – im Fernverkehr und im regionalen bzw. lokalen Raum. Denn: Die Einführung bzw. der Ausbau von Home-Office erspart auch die täglichen Arbeitswege mit dem PKW. Beschäftigte und Arbeitgeber schonen so insgesamt die Mobilitätsbudgets – und die Umwelt.

Wie der ökologische Aspekt der Nachhaltigkeit mit der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben zusammenhängen, stellten im gestrigen remote café unsere Auditorin Birgit Weinmann und ihre Gäste – Elisabeth Kreß-Maier, Bereichsleiterin Personal und Recht bei der Sparkasse Heidelberg, und Rüdiger Rentzsch, Verwaltungsdirektor des Landeskirchenamts der Evangelischen Kirche im Rheinland – dar. Mit dem Online-Impuls mit dem Titel „Auf dem Weg zur Nachhaltigkeit. Wieviel Mobilität braucht Vereinbarkeit?“ gab die berufundfamilie Akademie den Auftakt für Veranstaltungen, die unter unserem Jahresmotto „lebe hybrid- vereinbare nachhaltig“ stehen.

92 % der CO2-Emissionen im Pendelverkehr gingen auf Privat-PKW-Nutzung zurück


Birgit Weinmann erläuterte zunächst wie die Mobilität in Deutschland vor Corona aussah. Laut Untersuchung des IZT-Institute for Future Studies and Technology Assessment im Auftrag von Greenpeace (Deutschland) fuhren 71 % der Beschäftigten mit dem Privat-PKW zur Arbeit.[2] Nur 5 % bildeten Fahrgemeinschaften, 20 % nutzen öffentliche Verkehrsmittel 1 % ging zu Fuß und 3 % waren mit dem Fahrrad unterwegs. Eine einfache Pendelstrecke belief sich dabei durchschnittlich auf 16 km – in Metropolregionen auf 12 km und im ländlichen Raum auf 19 km.

Zusammengefasst wurden dabei 30 Megatonnen CO2 pro Jahr emittiert. Auf den privaten PKW-Pendel-Verkehr sind allein 92 % davon zurückzuführen.

Wie kann die CO2-Emission spürbar verringert werden? Auch damit beschäftigte sich die Studie des IZT-Institute. Home-Office kann eine gewichtige Stelleschraube sein: Die Modellrechnungen ergaben ein jährliches Einsparpotenzial von bis zu 5,4 Megatonnen CO2 – also 18 % weniger Emission – bei allein zwei zusätzlichen Home-Office-Tagen pro Woche. Laut der Untersuchung „D21 – Digital-Index“, die Kantar von Mitte Juni bis Juli 2020 durchführte, würden 51 % der Beschäftigten mit Home-Office-Erfahrungen gerne unabhängig von Corona mehr als die Hälfte der Arbeitszeit von zu Hause aus arbeiten.[3] 36 % aller Berufstätigen mit Büroberufen würden gerne mehr als die Hälfte im Home-Office arbeiten. Und dafür gibt es vor allem einen Grund: 63 % sehen eine höhere Flexibilität für Vereinbarkeit im Home-Office. Jetzt kommt jedoch das große Aber: Nur 25 % der Führungskräfte wollen, dass die Beschäftigten mehr im Home-Office tätig sind.

Für die dürften es gute Nachrichten ein, dass das IZT-Institute darauf verweist, dass sich neben Home-Office weiteres Potenzial für die Verringerung des Kohlendioxidausstoßes bietet: nämlich, indem Geschäftsreisen durch virtuelle Meetings ersetzt werden. Das allein reicht laut ITZ-Institute aber nicht aus. Notwendig sind grundsätzlich auch die Stärkung des öffentlichen Nahverkehrs, sichere Fuß- und Radwege sowie der Ausbau von Radschnellwegen.

Herausforderung: Ausbrechen aus dem Gewohnten


Aber wie groß ist tatsächlich die Bereitschaft der Beschäftigten, für den Weg von und zur Arbeitsstätte auf den eigenen PKW zu verzichten? Das untersuchte die seit 2014 nach dem audit berufundfamilie zertifizierte Sparkasse Heidelberg im Rahmen ihres Mobilitätskonzepts. Hintergrund des Konzepts ist, wie Elisabeth Kreß-Maier, Bereichsleiterin Personal, erklärte, mit Blick auf den Neubau in einer äußerst zentralen Lage auch gleich einen wesentlichen Beitrag zur Abnahme des Autoverkehrs zu leisten. Die Umfrage unter den Mitarbeitenden ergab jedoch Ernüchterndes: Die Bereitschaft, auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen ist eher schwach. Und das hat vor allem folgende Gründe: Die Nutzung von Bahnen und Bussen dauert einfach zu lange und wird als umständlich empfunden. Der eigene PKW gilt hingegen als Garant für mehr Flexibilität – auch wenn es nach der Arbeit mal was Privates zu erledigen gibt, wie z.B. Einkäufe. Und auch zu der Option „Fahrgemeinschaften“ befragte die Sparkasse Heidelberg ihre Beschäftigten. Die Hälfte der Befragten gab an, sich vorstellen zu können dieses Modell zu nutzen, aber nur wenn das Ganze mit Sicherheit funktioniert und auch Parkplätze garantiert seien.

Die Mitarbeitendenumfrage der Sparkasse Heidelberg legt einen äußerst wichtigen Punkt in der Diskussion um mehr nachhaltige Mobilität in der Arbeitswelt offen: Es fällt uns schwer, aus dem Gewohnten und als bequem Empfundenen auszubrechen. In der Umstellung liegt die Crux, nicht in den Möglichkeiten selbst.

Chance: Ganzheitliches Konzept


Eine Erfahrung, die Rüdiger Rentzsch, Verwaltungsdirektor des Landeskirchenamts der Evangelischen Kirche im Rheinland, das bereits seit 2007 das Zertifikat zum audit berufundfamilie trägt, absolut nachvollziehen kann. Um Beschäftigte zu animieren und zu motivieren, hat die Institution daher die Förderung der Fahrradmobilität konsequent systematisch ausgestaltet. Dabei folgte das Landeskirchenamt der Devise „Ganz selbstverständlich zwischendurch, sich per Dienstrad bewegen, einfach vergnügt, erlöst, befreit….“. Dass das Radfahren eine gute Sache ist, rückte es z.B. mit der Ausstellung von zwei gebrandeten Fahrrädern im Foyer des Landeskirchenamts ins Bewusstsein der Beschäftigten. Zudem gibt es einen Fahrrad-Aktionstag und zu jedem Betriebsausflug zählt eine Fahrradtour. Die positive Awareness stärken zudem Vorbilder – wie etwa der ehemalige Präses Manfred Rekowski, der seit Jahren mit einem elektrounterstützten Tretmobil – ebenfalls im Look des Landeskirchenamts – unterwegs ist. Außerdem gibt es z.B. auf dem YouTube-Kanal einen Film über einen Pfarrer und seine Alltagsmobilität mit dem Rad.

Beschäftigte, die mit dem Rad zum Arbeitsstätte kommen, können selbstverständlich die überdachten und großzügigen Abstellplätze vor dem Dienstgebäude nutzen. Praktisch und hilfreich: Hier ist eine Fahrrad-Reparaturstation in Säulenform integriert. Und damit sich die Fahrradfahrer*innen nach möglicherweise schweißtreibender Tour in der eigenen Haut wohl fühlen, steht ihnen die Nutzung eines eigens mit Dusche und Umkleidemöglichkeit eingerichteten Raums zur Verfügung. Außerdem gibt es ein tolles Angebot für Beschäftigte, die im Rahmen von Dienstreisen – z.B. mit dem Zug – Wegstrecken schneller und um die Fitness zu fördern per Bike zurücklegen möchten: Es kann ein vom Landeskirchenamt kostenlos gestelltes Faltrad mitgenommen werden. Gewartet werden die Falträder regelmäßig durch eine integrative Fahrrad-Werkstatt.


[1] Siehe https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/geschaeftsreisen-ein-rueckgang-fast-auf-null/26672352.html

[2] https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/2020-08-19_gpd_homeofficestudy_english.pdf

[3] https://www.kantardeutschland.de/corona-effekt-beim-homeoffice/


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