Mittwoch, 10. Februar 2021

Kommunen als Vereinbarkeitschampions: Beispiele aus der Praxis


Praxisbeispiele beweisen: Strategische Vereinbarkeitspolitik ist vielfältig ausgestaltbar (©pixabay.com)


Kommunen stehen wie alle anderen Arbeitgeber zukünftig vor großen Herausforderungen. Zwei davon sind Personalgewinnung und -bindung. Eine strategische Ausrichtung der Vereinbarkeitspolitik kann hier Trumpf sein. Mit welchen Maßnahmen sich diese gestalten lässt, zeigen die folgenden zahlreichen Beispiele von Kommunalverwaltungen, die nach dem audit berufundfamilie zertifiziert sind.

Bevor wir die konkreten Angebote beschreiben, muss aber noch ein Hinweis auf das grundlegende Verständnis für eine strategisch gestaltete familien- und lebensphasenbewusste Personalpolitik sein. Bei der geht es nicht darum, als Arbeitgeber mit einer unermesslichen Zahl an Vereinbarkeitsmaßnahmen zu glänzen, sondern anhand fortlaufender Analyse der Bedarfe der Beschäftigten und der betriebsindividuellen Rahmenbedingungen ein tatsächlich sinnvolles, benötigtes und tragfähiges Portfolio an Maßnahmen auf- und auszubauen. Es geht also vielmehr um Klasse und nicht um Masse.

Ein Raster dafür, in welchen Bereichen Maßnahmen anzusiedeln sind, geben personalpolitische Handlungsfelder. Im audit berufundfamilie stehen die acht wichtigsten im Zentrum: Arbeitszeit, Arbeitsorganisation, Arbeitsort, Information und Kommunikation, Führung, Personalentwicklung, finanzielle Zusatzleistungen sowie Serviceleistungen.

In einen Teil dieser Handlungsfelder blicken wir jetzt hinein und zeigen, was zertifizierte Kommunalverwaltungen dort u.a. bereits möglich machen.


Arbeitszeit


Arbeitszeit so flexibel zu gestalten, dass sowohl die Vereinbarkeitsbelange der Beschäftigten als auch die Arbeitsabläufe innerhalb der Organisation besser in Einklang gebracht werden, zählt ebenfalls zu den zentralen Stellschrauben einer familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik. So bieten einige Stadtverwaltungen verschiedene und auch umfangreiche Modelle an, die etwa eine Ausbildung in Teilzeit oder Führen in Teilzeit ermöglichen. Erfreulich ist übrigens, dass auch bei Kommunen mittlerweile männliche Führungskräfte in zweimonatige Elternzeit gehen.

Und auch Gleitzeit ist ein großes Thema und eine beliebte Lösung: Eine Stadtverwaltung arbeitet z.B. mit einem Arbeitszeitsparbuch. Bei dieser Gleitzeitregelung können beteiligte Beschäftigte, die über die Kappungsgrenze der Gleitzeit hinaus Arbeitszeit erbracht haben, diese Arbeitszeit in einem Arbeitszeitsparbuch gutschreiben lassen. Diese angesparte Zeit kann dann während der Schulferien oder zur vorübergehenden Betreuung von Angehörigen verwendet werden.

Arbeitgeber nutzen außerdem auch ein Langzeitarbeitskonto, was es ermöglicht, Arbeitshöhepunkte zu bewältigen und einen Ausgleich für familiäre Verpflichtungen – dazu zählt auch Pflegeverantwortung – oder Freizeit zu finden.


Arbeitsorganisation


Ein nachhaltig verankertes betriebliches Gesundheitsmanagement hilft sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmende mit der gewachsenen Komplexität der Arbeitswelt zurechtzukommen. Hierbei geht es jedoch nicht nur um Arbeitssicherheit, sondern um die Gesamtpalette von Arbeitsbedingungen. Ein kommunaler Arbeitgeber etablierte beispielsweise im Rahmen des audit einen Arbeitskreis zu diesem Thema. Des Weiteren bieten einige Arbeitgeber Gesundheitstage, Kurse, Vorträge und Teilnahmen an Firmenläufen an.


Arbeitsort


Die flexible Gestaltung des Arbeitsortes unter Beachtung der Organisationsbelange ist ein wichtiges Instrument zur Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben – und das wird insbesondere in Krisenzeiten wie der Coronapandemie beflügelt. Einige Kommunalverwaltungen ermöglichen daher Telearbeit wie etwa flexible Arbeitszeiteinteilung, sofern es Betriebsabläufe zulassen. Um das Angebot zu manifestieren, arbeiten zahlreiche Organisationen mit Dienstvereinbarungen zur alternierenden Telearbeit und Anträgen zur Telearbeit, die geprüft werden. Telearbeit soll hierbei überall da ermöglicht werden und allen Beschäftigten per Antragsstellung offenstehen, wo der Arbeitsrahmen Telearbeit zulässt.


Information und Kommunikation


Kommunikation ist unerlässlich, um sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren. Durch ausführliche und stringente Kommunikation kann sichergestellt werden, dass ihre Beschäftigten auch tatsächlich von den Vorteilen, die sie in Sachen Vereinbarkeit haben, erfahren und interessiert bleiben.

Zu den zahlreichen Kommunikationsmöglichkeiten zählt ein Seminartag für alle Mitarbeitenden – z.B. durchgeführt mit verschiedenen Zeitangeboten, sodass auch Beschäftigte mit familiären Verpflichtungen teilnehmen können. In einem Beispiel umfassten die Seminarthemen Changemanagement, Resilienz und auch den Umgang mit Konflikten im Arbeitsalltag. Der Seminartag wurde aufgrund einer Beschäftigtenumfrage ins Leben gerufen, in der die Mitarbeitenden den Wunsch nach Fortbildungen, von denen sie sowohl privat als auch dienstlich profitieren können, äußerten. Ein schönes Zeichen der Wertschätzung mit gleichzeitigem Kompetenzerwerb durch die Beschäftigten, der auch dem Arbeitgeber nutzt.

Eine Kreisverwaltung engagiert sich als Antreiberin für familienfreundliche Personalpolitik, in dem sie durch Workshops Unternehmen und die Öffentlichkeit für Vereinbarkeitsthemen sensibilisiert. So wird hier auch regelmäßig ein Wettbewerb für familienfreundliche Unternehmen ausgetragen und versucht Kooperationen für diese Themen zu schließen.

Durch strukturierte Kontakthalteprogramme für Mitarbeitende in Elternzeit haben einige kommunale Arbeitgeber die Möglichkeit geschaffen, eine strukturierte Planung während und nach der Elternzeit zu ermöglichen. Auch Intranets erweisen sich als gute Möglichkeit, um Beschäftigte auf dem Laufenden zu halten. So gibt es Arbeitgeber, die beurlaubten Mitarbeitenden einen Zugang zum Intranet von zu Hause aus ermöglichen, über den sie auch an Fortbildungsmaßnahmen teilnehmen können. Zusätzlich dazu kann eine jährliche Veranstaltung für beurlaubte Arbeitnehmende als Plattform zum Austausch und für erste Informationen besonders gut genutzt werden, um den Beschäftigten den Wiedereinstieg zu ermöglichen.

Um auch Beschäftigten mit Pflegeverantwortung stärker als Zielgruppe für Vereinbarkeitsbelange in den Blick zu nehmen, haben Kommunalverwaltungen Informationsangebote rund um das Thema Pflege geschaffen. So lässt sich beispielsweise ein Info-Portal zu diesem Thema aufbauen, um so niederschwellig an Beschäftigte heranzutreten. Auch die Erstellung eines Familienratgebers mit ersten Informationen kann nützlich sein.


Führung


In der Ausrichtung einer strategischen familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik spielen Führungskräfte eine entscheidende Rolle. Sie sind wichtige Treiber bei der Durchsetzung aber auch Zielgruppe, die die Vorteile einer strategischen Vereinbarkeit auch in Führung nutzen sollen. So gibt es kommunale Arbeitgeber, die Qualifikationsreihen für Führungskräfte zu verschiedenen Themen wie Teamleitung anbieten. Eine Stadtverwaltung ermöglicht Beschäftigten Führungspositionen auf Probe für 2 Jahre, bei Nichtbewährung kann der Beschäftigte dann in seine alte Stelle zurück.


Personalgewinnunng und -bindung


Um dem zentralen Problem des zunehmenden Fachkräftemangels entgegenzuwirken, ergreifen Kommunalverwaltungen im Handlungsfeld Personalgewinnung immer gezieltere Maßnahmen. Der Kreativität ist dabei keine Grenzen gesetzt. Sich regelmäßig auf verschiedenen Ausbildungsbörsen zu präsentieren ist für kommunale Arbeitgeber nur eine Lösung. Auch Lernpatenschaften mit Schulen werden immer öfter initiiert.

Für neue Auszubildende gibt es bei einer Stadtverwaltung spezielle Einführungstage oder Teambuildingtage mit Auszubildenden aller Jahrgänge. So kann die Attraktivität des Arbeitgebers durch eine ausgeprägte Willkommenskultur gesteigert werden.


Finanzielle Zusatzleistungen und Serviceleistungen 


Gerade weil der Aspekt Kinderbetreuung zu den zentralen Triggern von Vereinbarkeitswünschen zählt, versuchen viele Kommunen in diesem Bereich mit innovativen Maßnahmen voranzugehen. Beispielsweise hat ein Landkreis eine eigene Kinderbetreuungsagentur, die beispielsweise bei der Beratung und Vermittlung von Eltern und Tagespflegepersonen unterstützt oder Leistungen gewährt zur Förderung in der Kindertagespflege. Andere kommunale Arbeitgeber zahlen zusätzlich zu den Belegplätzen, die sie ihren Mitarbeitenden zur Verfügung stellen einen Kinderbetreuungszuschuss. Auch Kooperationen mit anderen familienbewussten Organisationen werden von kommunalen Einrichtungen genutzt, um Ferienangebote für Kinder von Mitarbeitenden zu schaffen. 

So gibt es bei einer Organisation die Möglichkeit für Eltern, ihre Kinder samstags den Nachmittag über betreuen zu lassen, um so den Eltern freie und gemeinsame Zeit zu verschaffen. Um Mitarbeitende aktiv zu fördern, bieten einige Kommunalverwaltungen eine anteilige Kostenübernahme zur Weiterqualifizierung an. Einige Arbeitgeber nutzen Beschäftigtenempfehlungsprogramme, bei denen der empfehlende Beschäftigte bei Einstellung nach Empfehlung einen regionalen Gutschein mit Geldwert erhält. Ein weiteres familienorientiertes Angebot bei einem kommunalen Arbeitgeber ist ein Frühjahrs- bzw. Herbstflohmarkt. Hierbei haben Familien die Möglichkeit kostengünstig Haushaltsgegenstände, Spielzeug oder Kinderkleidung angeboten. Der Kauf oder Verkauf wird dabei im Intranet angeboten und ist somit niederschwellig und bringt für beide Seiten einen Nutzen.


Dies war nur ein kleiner Einblick in die Praxis und zeigt, welche Möglichkeiten eine strategisch ausgerichtete familien- und lebensphasenbewusste Personalpolitik gerade für Kommunen bietet. Von niederschwelligen Kommunikationshilfen bis zur umfangreichen Kinderbetreuung können so sowohl Beschäftigte als auch Arbeitgeber profitieren. So kann die Arbeitgeberattraktivität der Kommunen entscheidend im Wettbewerb um Fachkräfte durch ihre Vereinbarkeitsmaßnahmen gehoben werden.

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