Mittwoch, 12. März 2025

Allein, allein … muss nicht sein: Gegen Einsamkeit im Arbeitsleben angehen

Der Gefahr, beim Arbeiten zu vereinsamen, kann aktiv begegnet werden (Quelle: cottonbro studio on pexels.com)

Einsamkeit – ein Stichwort, das insbesondere seit dem vergangenen Jahr aufgrund neuerer Studien häufiger in der Öffentlichkeit genannt wurde. Wie ausgeprägt ist das Einsamkeitsempfinden bei unterschiedlichen Altersgruppen? Welchen Einfluss hat die Arbeit auf Distanz? Was kann im Arbeitskontext gegen Einsamkeit getan werden? In unserem heutigen Beitrag nennen wir wissenschaftliche Erkenntnisse und geben Tipps.


Als „ein subjektives Gefühl, bei dem die eigenen sozialen Beziehungen nicht den persönlichen Wünschen und Bedürfnissen entsprechen“ definiert das Kompetenzzentrum Einsamkeit (Projekt des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V., unterstützt vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) den Begriff Einsamkeit. Das Kompetenzzentrum führt weiter aus: „Zum Beispiel kann Einsamkeit für manche einen empfundenen Mangel an engen, emotionalen Bindungen bedeuten. Für andere entsteht Einsamkeit, wenn sie weniger Kontakt zu anderen Menschen haben, als sie es gerne möchten.“[1] Weniger Kontakt zu anderen – das hat bei vielen Erwerbstätigen im Zuge der Coronapandemie zugenommen und ist in zahlreichen Fällen durch die Möglichkeiten von Remote Work bzw. Home-Office auch geblieben.

Zahlreiche Befragungen zeigen, dass immer mehr Menschen von Einsamkeit betroffen sind. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) spricht sogar von einer wachsenden gesellschaftlichen Herausforderung und führt dazu folgende Zahlen an[2]: Jede*r Dritte zwischen 18 und 53 Jahren fühlt sich heute zumindest teilweise einsam. Laut Untersuchung des BIB, die eine Zeitspanne von 2005 bis 2022 umfasst, ist der Anteil der sich einsam fühlenden jungen und mittelalten Erwachsenen von recht stabilen 14 (2005) bis 17% (2017) mit Eintreten der Coronapandemie (ab 2020) auf 41% bis 47% angestiegen. Zwar ist das Einsamkeitsempfinden zum Winter 2022/2023 auf 36% gesunken, ist aber immer noch deutlich höher als vor der Pandemie. Dr. Sabine Diabaté vom BiB, Mitautorin der Studie, merkte dazu an, dass sich eine Tendenz zur Chronifizierung der Einsamkeit zeigt.[3]

Besonders bedenklich ist die wachsende Einsamkeit angesichts ihrer psychischen und physischen Auswirkungen: Mentale Reaktionen sind ein Hang zur Traurigkeit und auch Niedergeschlagenheit. Es können sich Ängste und auch depressive Erkrankungen entwickeln. Ein typisches Einsamkeitsanzeichen sind Schlafprobleme. Manche berichten von Musekelverspannungen und Hautausschlägen. Die Symptome reichen zudem von einem schwachen Immunsystem, über Bluthochdruck und Herz-Kreislauf- sowie Magen-Darm-Probleme, bis hin zu chronischen Schmerzen.[4]

Wer ist – eher und besonders – von Einsamkeit betroffen?


Das vom BMFSFJ 2024 veröffentlichte Einsamkeitsbarometer[5] zitiert u.a. die Zeitverwendungserhebung 2022 des Statistischen Bundesamts. Jede*r vierte (23,6%) junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren empfindet demnach Einsamkeit. Die Bertelsmann-Stiftung liefert mit der eupinions-Befragung Zahlen aus dem vergangenen Jahr – also 2024 – und über die Gruppe der Personen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren. Diese fühlten sich zu 51% zumindest moderat einsam, 12% stark einsam.[6] Das Gefühl ist – und das ist nachvollziehbar – während der Coronapandemie bei jungen Menschen besonders stark angestiegen. Die Shell-Jugendstudie kommt zu dem Schluss, dass die Belastungen durch die Coronapandemie bei den Jugendlichen noch nachwirken. Mehr als jede vierte junge Frau (27%) und mehr als jeder fünfte junge Mann (21%) gibt an, sich oft einsam zu fühlen.[7]

Doch auch im höheren Erwachsenenalter ist das Gefühl von Einsamkeit deutlich ausgeprägt: So sind laut euopinions-Befragung Erwachsenen im Alter zwischen 36 und 69 Jahren moderat einsam. Wie bei den jungen Erwachsenen haben auch 12% von ihnen ein starkes Einsamkeitsempfinden.[8]

Eine funktionierende Partnerschaft ist übrigens ein entscheidender Faktor, ob sich Menschen einsam fühlen – und das unabhängig von Ausnahmesituation wie einer Pandemie. So war der Anteil der von Einsamkeit Betroffenen, die ohne Partner*in im Haushalt lebten sowohl 2013 (6,1%) als auch 2021 (4,3%) signifikant höher als bei Personen, die mit Partner*in zusammenlebten.[9]

Wird Einsamkeit von Betroffenen thematisiert?


Trotz der Tatsache, dass ein hoher Anteil an Personen jeden Alters von Einsamkeit betroffen ist, findet es als Thema in Gesprächen kaum Raum. Der TK-Einsamkeitsreport ergab, dass Menschen, die sich einsam fühlen, nicht gerne darüber sprechen.[10] Vor allem zwei Gründe werden dafür vermutet: Einsame Menschen befürchten, andere damit zu belasten. Oft gleichzeitig fühlen sie sich „ohnmächtig“, also nicht in der Lage, die Situation zu ändern.[11]

Birgt räumliche Distanz die Gefahr der Vereinsamung?


Wer von zu Hause oder remote arbeitet, gewinnt im Sinne der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben zwar Zeit für andere Aspekte – sei es für die Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen, für den Behördengang oder den Besuch von Handwerker*innen in den eigenen vier Wänden –, setzt sich aber einer räumlichen Isolation aus. Das kurze „Über-den-Schreibtisch-Gespräch“ oder der „Kaffeeküchen-Talk“ fällt aus. Wer häufiger außerhalb der Organisation tätig ist, nimmt folgende Veränderungen wahr, wie die BARMER-Studie social health@work[12] zeigt: 23,5% – und damit etwa jede*r vierte – der mobil Arbeitenden fühlt sich isoliert. Bei den nicht mobil tätigen Kolleg*innen sind es weniger – nämlich etwa jede*r Fünfte (19,5%). Verbunden mit der Isolation ergibt sich ein Einsamkeitsgefühl: Nahezu ein Drittel (32,5%) der im Home-Office Beschäftigten sagt, dass ihr*ihm Gesellschaft fehle. 18,3% der von zu Hause aus Arbeitenden stuft sich als einsam ein.

Dass Home-Office nicht zwangsweise einsamer machen muss als die Präsenzarbeit in der Organisation, belegt die Techniker Krankenkasse mit ihrem Einsamkeitsreport 2024.[13] Von den Beschäftigten, die mindestens gelegentlich im Home-Office tätig sind, beobachten 16% sich häufig oder manchmal einsam zu fühlen. Bei den ausschließlich in der Organisation präsent Arbeitenden sagen dies nur 2% weniger, nämlich 14%. Doch was auch mit dieser Studie nicht wegzudiskutieren ist: Ein nicht unerheblicher Anteil der Home-Office-Beschäftigten vermisst den fachlichen oder auch persönlichen Austausch mit Kolleg*innen – nämlich 42% häufig oder zumindest manchmal. Einen Mangel an kollegialem Austausch nehmen bei den vorrangig auf der Arbeitsstätte Beschäftigten hingegen nur 12% wahr.

Spannend ist auch der im TK-Einsamkeitsbarometer vorgenommene Vergleich von der Verbreitung des Einsamkeitsgefühls am Arbeitsplatz und im Privatleben: Während sich am Arbeitsplatz 38% der Beschäftigten zumindest selten einsam fühlen, sind es im privaten Umfeld 58%. Arbeit an sich ist also ein wesentlicher Faktor im Kampf gegen Einsamkeit.

Dennoch zeigen die diversen Untersuchungen: Gegen das Gefühl von Einsamkeit muss aktiv angegangen werden – von Seiten der einzelnen Beschäftigten und von Seiten der Arbeitgeber.


Tipps gegen Einsamkeit im beruflichen Umfeld

  1. Arbeitgeber sollten Einsamkeit zum Thema machen. Entsprechend sind Führungskräfte zu sensibilisieren.
  2. Es empfiehlt sich, sich in den jeweiligen Teams über Einsamkeitsgefühle auszutauschen – und damit auch darüber, wer was in welcher Arbeitssituation braucht, um dem Gefühl etwas entgegenzusetzen. Das schließt auch die Betrachtung der Bedarfe der unterschiedlichen Altersgruppen in der Belegschaft ein.
  3. Kontakthalten mit den Kolleg*innen trotz Remote Work geschieht am besten durch regelmäßige virtuelle Meetings.
    • Je nach Teamgröße und Projektstand können das so genannte arbeitsorientierte Daylies sein, die z.B. zehn bis 15 Minuten dauern, oder auch längere Weeklies.
    • Auch der inoffizielle Austausch lässt sich institutionalisieren, z.B. in Form von täglichen kurzen Coffee Breaks im Team oder gemeinsamen virtuellen Mittagessen.
  4. Regelungen bzgl. der Präsenz in der Organisation können ein Beitrag gegen Einsamkeit sein. Wichtiger ist es aber, die Vor-Ort-Arbeit so attraktiv zu machen, dass die Beschäftigten regelmäßig in der Organisation zusammenkommen.
    • Arbeitgeber/ Führungskräfte tun gut daran, offen mit den Mitarbeitenden zu diskutieren, wann Vor-Ort-Arbeit notwendig ist als Regelung Bestand haben soll. Ein Beispiel ist das Zusammenkommen bei bestimmten Projektabschnitten.
    • Arbeitgeber können zudem das Socializing fördern, indem regelmäßige Teamevents auf der Arbeitsstätte oder auch in einer externen Location eingeplant werden.
  5. Jede*r einzelne Beschäftigte ist gefordert, sich auf seine Kolleg*innen zuzubewegen, den Austausch aktiv zu suchen, um Vereinsamung vorzubeugen.


[1] https://kompetenznetz-einsamkeit.de/einsamkeit (Link vom 11.03.2025)

[2, 3] https://www.bib.bund.de/DE/Presse/Mitteilungen/2024/2024-05-29-Einsamkeit-im-jungen-und-mittleren-Erwachsenenalter-hat-zugenommen-besonders-unter-jungen-Menschen.html

[4] https://www.dak.de/dak/gesundheit/psychische-gesundheit/psychische-erkrankungen/einsamkeit_88650#rtf-anchor-was-sind-die-symptome-von-einsamkeit

[5] https://www.bmfsfj.de/resource/blob/240528/5a00706c4e1d60528b4fed062e9debcc/einsamkeitsbarometer-2024-data.pdf

[6, 8] https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/junge-menschen-und-gesellschaft/projektnachrichten/einsamkeit-junger-menschen-2024-im-europaeischen-vergleich

[7, 9] https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/19-shell-jugendstudie-veroeffentlicht—246246

[10] https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/einsamkeitsreport-60-prozent-kennen-einsamkeit-2187212?tkcm=ab

[11] Vgl. https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/einsamkeit-studie-102.html

[12] https://www.barmer.de/firmenkunden/tools-downloads/medien-und-magazine/social-health-at-work-gesund-digital-arbeiten/einsamkeit-im-homeoffice-1065488

[13] https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/einsamkeit-im-homeoffice-2191384; Vgl. https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/einsamkeit-im-homeoffice-2191384


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