Donnerstag, 15. April 2021

Familie: Weit mehr als „Vater*, Mutter*, Kind“

Der Familienbegriff hat einen wichtigen Wandel vollzogen (Photo by Tyler Nix on Unsplash)

Wie definieren wir eigentlich Familie und warum ist die Begriffsklärung so wichtig für die Vereinbarkeit? In unserem heutigen Blog wagen wir einen Aufklärungsversuch.

Das deutsche Wort Familie stammt vom Lateinischen familia, was so viel wie Gesinde oder „Gesamtheit der Dienerschaft“ meint. Auch wenn uns diese Bedeutungsableitung vielleicht etwas fremd erscheint, steckt in ihr ein wesentlicher Punkt: In einer Familie dienen wir uns gegenseitig. Etwas weniger obsolet formuliert: In einer Familie sind wir füreinander da, kümmern uns um einander, tragen für einander Sorge.

Aus dem eigentlichen soziologischen Verständnis heraus, handelt es sich bei den sich um einander kümmernden Personen, um Menschen, die miteinander verwandt sind. Dabei wird oftmals zwischen enger Familie und weiter gefasster Familie unterschieden. Eine Definition der enger gefassten Familie, die sich auf zwei Generationen stützt, ist beispielweise beim Statistischen Bundesamt zu finden. Dort heißt es:

„Die Familie umfasst im Mikro­zensus alle Eltern-Kind-Gemeinschaften, das heißt Ehepaare, nichteheliche (gemischt­geschlechtliche) und gleich­geschlechtliche Lebens­gemeinschaften sowie Allein­erziehende mit ledigen Kindern im Haushalt. Einbezogen sind – neben leiblichen Kindern – auch Stief-, Pflege- und Adoptiv­kinder ohne Alters­begrenzung. Damit besteht eine Familie immer aus zwei Generationen: Eltern/-teile und im Haushalt lebende ledige Kinder.

Kinder, die noch gemeinsam mit den Eltern in einem Haushalt leben, dort aber bereits eigene Kinder versorgen, sowie Kinder, die nicht mehr ledig sind oder mit einem Partner in einer Lebens­gemeinschaft leben, werden im Mikro­zensus nicht der Herkunfts­familie zugerechnet, sondern zählen statistisch als eigene Familie beziehungsweise Lebensform.“

Familie im weiteren Sinne umfasst dementsprechend auch andere Verwandte wie Großeltern, Tanten*, Onkel, Cousinen* und Cousins etc.

Aus Freunden wird Familie


Doch misst sich das Verständnis von Familie tatsächlich ausschließlich entlang dieser Definition?

Nein oder vielmehr: nicht mehr. Familie als Zusammenschluss von miteinander (eng) verwandten Personen bildet heute nur noch einen Teil des Verständnisses von Familie ab. Ganz entscheidend sind heute Wahlfamilien. Das sind Menschen, die für die*den Einzelnen wichtig sind – und das kann unabhängig von einem Verwandtschaftsgrad der Fall sein. Und da sind wir auch schon wieder bei dem sprachlichen Ursprung des „einander Dienens“ – also des Füreinander- bzw. Umeinander-Sorgens.

Auch gute Freund*innen und Nachbar*innen können als Familie empfunden werden. Tatsächlich ist das Verhältnis zu einer Person und die emotionale Bindung untereinander heute ein entscheidender Faktor, wenn man von Familie spricht.

Das kristallisiert sich auch immer mehr bei der Definition des Familienbegriffs heraus, die am Anfang einer Auditierung nach dem audit berufundfamilie bzw. audit familiengerechte hochschule steht. Wir fragen Arbeitgeber, die sich dem Prozess einer strategisch zu gestaltenden familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik stellen, nach ihrem Familienbegriff. Die Intention dahinter: Über den Familienbegriff definieren sie die Zielgruppen ihrer betrieblich gesteuerten Vereinbarkeitspolitik. Sie machen sich und den Beschäftigten darüber klar: Unsere Angebote zur Vereinbarkeit sind für alle Mitarbeitenden, die sich unter unserem Familienbegriff fassen lassen. Schon bei dieser Aufgabe beleuchten Arbeitgeber, wie breit sie sich in Sachen Vereinbarkeit aufstellen, wen sie ein- und ggf. auch ausschließen.

Weiter Familienbegriff – nachhaltige Vereinbarkeit


Im Sinne einer nachhaltigen familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik möchten wir Arbeitgeber dazu anhalten, ein weites Verständnis von Familie zu nutzen bzw. aufzubauen. Es geht schließlich bei der Vereinbarkeit nicht nur um die Belange von Müttern* und Vätern*. Auch Beschäftigte, die Pflegeaufgaben wahrnehmen – egal ob von Verwandten oder Bekannten, kinderlose Mitarbeitende, Singles, beschäftigte Großeltern etc. haben Vereinbarkeitsbedarfe. Schließt man diese aus, erhält Vereinbarkeit wohlmöglich ein exklusives Nutzungsrecht. Das stört die Akzeptanz von Vereinbarkeitsmaßnahmen in der Breite der Belegschaft und kann auch dazu führen, dass diejenigen, die sich als Zielgruppe nicht erkannt fühlen, weniger Toleranz gegenüber den Nutznießer*innen der Lösungen zur Vereinbarkeit aufbringen.

Möglichst alle Beschäftigten in Vereinbarkeitsfragen mitzunehmen, für alle Vereinbarkeitsangebote zu öffnen und dies auch breit zu kommunizieren, trägt demgegenüber ganz wesentlich zur Tragfähigkeit der Personalpolitik bei. Wenn wir einen dazugehörigen weiten Familienbegriff suchen, könnte dieser lauten: „Familie ist dort, wo Menschen nachhaltig Verantwortung füreinander übernehmen. Dies umfasst neben Familienangehörigen und Partner*innen auch Singles, Paare ohne Kinder und Freund*innen/ Nachbar*innen. Auch die Verantwortung für die eigene Person und eine gelingende Balance von Beruf und Privatleben gehört dazu.“

Ins Detail geschaut? Genau, hier wird von „Balance von Beruf und Privatleben“ gesprochen. Um zu verdeutlichen, dass sich Vereinbarkeit nicht nur um die Beschäftigten dreht, die Familie im engeren Sinne und entsprechende Fürsorgeaufgaben haben, ist der Begriff Privatleben hinzugenommen worden. Bei der berufundfamilie sprechen wir zur Betonung daher auch explizit von der „Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben“.

Übrigens: Der Name unserer Organisation – berufundfamilie Service GmbH – deutet zum einen auf die Entstehungszeit der Initiative, umfasst zum anderen aber auch das gewachsene Verständnis von Familie. Die berufundfamilie erblickte nämlich 1998 als „berufundfamilie gGmbH – Eine Initiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung“ das Licht der Welt. Vor über 20 Jahren befand sich die Generation der Babyboomer in der Familiengründungsphase. Aufgrund ihres großen Anteils in der Arbeitnehmendenschaft war das Augenmerk der Vereinbarkeitsbemühungen insbesondere auf sie und damit das Thema Kinderbetreuung gerichtet. Darauf gründete sich dann der Name berufundfamilie. Als etablierte Marke haben wir diesen Kernnamen nie angefasst. Stattdessen haben wir im Laufe der Zeit die Erweiterung des Verständnisses von Familie nicht nur mitgetragen, sondern im öffentlichen Diskurs mit vorangetrieben. Insofern steht „berufundfamilie“ für die Förderung einer familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik bei Arbeitgebern, die alle Beschäftigten miteinbeziehen und damit deren Diversität Rechnung tragen soll.

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