Mittwoch, 21. April 2021

Podcast (Folge 13): „Es findet keine proaktive Familienpolitik für Studierende statt“

Für wen gelten familiengerechte Hochschulbedingungen und wo kommen sie tatsächlich an? Welche Vereinbarkeitsbedarfe haben Studierende fernab ihres Studiums? Diesen und einigen weiteren Fragen sind wir in unserer neuen Podcast-Folge nachgegangen. Zu Gast waren als Vertreterin des fzs Pauline Pötzsch und Lucyna Kühnemann, Studentin mit Kindern. Eine schriftliche Zusammenfassung gibt es hier im Blog.

Getreu unserem Jahresmotto „lebe hybrid – vereinbare nachhaltig“ gehen wir der Frage nach, wie eine nachhaltige Verankerung der familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik gelingen kann. Grundlegend für eine nachhaltige Wirkung ist die Durchdringung einer Organisation mit dem Thema Vereinbarkeit. Dazu gehört, alle Zielgruppen anzusprechen und mitzunehmen - auch solche, die sich auf den ersten Blick fernab von den klassischen Vereinbarkeitsbelangen bewegen. Bei Hochschulen kommt neben den Beschäftigten noch eine wesentliche Interessensgruppe hinzu: die Studierenden – ca. 2,95 Mio. in Deutschland. Um herauszufinden, wie sie Vereinbarkeitsmaßnahmen an Hochschulen sehen, sprechen wir in unserer neuen Podcastfolge mit Pauline Pötzsch, Vertreterin des freien Zusammenschlusses von Student*innenschaften (fzs) und Lucyna Kühnemann, Studentin mit Kindern. Hier finden Sie Auszüge aus der Folge.

Wo sitzen Sie denn gerade, haben sie noch Online-Vorlesungen vor sich?

Lucyna Kühnemann (LK): Also, ich sitze an meinem Schreibtisch. Ich bin gerade in der Abschlussarbeitsphase und habe daher keine Veranstaltungen mehr.

Pauline Pötzsch (PP): Also, ich bin gerade im digitalen Auslandssemester, da sich die Semesterzeiten überschneiden und deswegen habe ich heute tatsächlich noch eine Veranstaltung.

Was genau macht der freie Zusammenschluss von Student*innenschaften (fzs)?


PP: Das ist die Vertretung der Studierenden auf Bundesebene. Der fzs ist der Kontakt zur Politik der Studierenden und anderen Verbänden und vertritt knapp 1 Mio. Studierende in allen anderen hochschulrelevanten Themen.

Und wie funktioniert das Studieren bei Ihnen mitten in Corona-Zeiten?

LK: Also bei mir leider nicht besonders gut, weil ich im letzten Jahr kaum Zeit hatte zu studieren, dadurch dass der Betreuungsaufwand meiner Kinder so gestiegen ist. Also, entweder waren die Einrichtungen geschlossen oder im eingeschränkten Betrieb und die ganzen Freizeitangebote für unsere Kinder finden im Moment nicht statt. Da war sehr viel Arbeit in der Familie da und zudem hatte ich kaum Austausch mit anderen Studierenden und Dozierenden und dadurch wenig Raum für Reflexion und Entwicklung.

PP: Also man kann allgemein sagen, dass Studieren zurzeit überhaupt nicht stattfindet. Die letzten beiden Semester waren komplett in der Online-Lehre. Das bedeutet natürlich, dass auch unglaublich viel Isolierung stattfindet. Es gibt weiterhin Probleme mit den Präsenzprüfungen oder mit der generellen Prüfungsgestaltung. Die finanziell schwierige Situation der Studierenden wird unserer Ansicht nach von der Politik nicht ernst genommen. Es gibt immer noch Bafög-Töpfe, die nicht voll ausgeschöpft werden. Die Bafög-Förderungsrate ist in den letzten Jahren immer weiter gesunken. Man kann also sagen, dass nur Studierende, die über eine gesicherte ökonomische Lebensgrundlage verfügen, wirklich lernen können. Das ist ein großes Problem.

Wie bewerten Sie das Krisenmanagement an Ihren Hochschulen in Bezug auf das Studieren in Corona-Zeiten?

Pauline Pötzsch (PP): Also, was ich so aus den Mitgliedshochschulen mitbekomme, ist sehr unterschiedlich. Man muss leider sagen, dass Verwaltungseinrichtungen der Uni teilweise schwer oder nicht erreichbar sind. Die Kommunikationswege sind auch nach einem Jahr teilweise mäßig bis schlecht ausgearbeitet worden. Es ist so, dass Studierende überhaupt nicht lange planen können. Es wird immer nur auf Sicht gefahren. Es gibt keine übergeordnete Corona-Strategie und das bedeutet, dass sich im Zweifel immer der Studienverlauf der Studierenden verlängert. Aber man muss auch sagen, es gibt sehr viele Hochschulen, die wirklich viel Arbeit in ihre Kommunikation und in ihr Krisenmanagement investieren. Dort gibt es beispielsweise nach jeder Konferenz oder Entscheidung der Landesregierung sofort eine E-Mail mit allen relevanten Infos, aber andere Hochschulen versuchen leider wirklich die Probleme auszusitzen und es gibt kaum oder keine langfristigen Lösungen.

Und wie ist das für Sie, Frau Kühnemann, wie sehen Sie das?


Lucyna Kühnemann (LK)
: Also, dadurch, dass ich im Moment nicht so sehr auf die Strukturen angewiesen bin, da ich in der Abschlussarbeitsphase bin, betrifft mich das nur teilweise. Was ich auf jeden Fall bestätigen kann, sind Probleme mit der Verwaltung. Also, dass sie teilweise nicht erreichbar sind oder sich nicht zuständig fühlen oder sich für mich jetzt auch ein Riesenchaos ergeben hat bei den ganzen Formalia, was die Abschlussarbeit betrifft.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang auch familiengerechte Maßnahmen an den Hochschulen?

Lucyna Kühnemann (LK): Also generell, jetzt auch außerhalb der Corona-Zeit, muss ich sagen, dass ich insgesamt das Gefühl in meinem Studium habe, mich immer durchschummeln zu müssen, weil ich häufig nicht weiß, welche Rechte ich habe. Es ist sehr schwierig an diese Informationen zu kommen. Also, ich hatte diverse Probleme mit dem Prüfungsamt und musste dann denn Familienservice zur Hilfe nehmen, um dann überhaupt an mein Recht zu kommen.

Pauline Pötzsch (PP)
: Es ist, glaube ich, das Problem, das Studierende nicht wirklich in den Personenkreis gezählt werden, für die diese Vereinbarkeitsmaßnahmen auch wirklich gestaltet wurden. Wenn Studierende Nachteilsausgleiche oder ähnliches benötigen, müssen sie sehr oft über den Familienservice oder das Gleichstellungsbüro versuchen, ihre Rechte einzufordern. Man muss leider sagen, dass die doch auch vielzähligen Angebote, die es an Universitäten zur Familienvereinbarung gibt, nicht immer im vollen Umfang für Studierende nutzbar sind. Das ist auch ohne Pandemie tatsächlich so gewesen. Es fehlt aber oft auch einfach an den Informationswegen. Studierende wissen einfach oft nicht, was eigentlich ihr Recht ist. In so große Institutionen wie Universitäten sind die Wege teilweise sehr sehr lang und so können beispielsweise Nachteilsausgleiche, wenn sie denn von der Hochschule kommuniziert werden, werden, nur selten von Studierenden mit Kind oder anderen Betreuungs- oder Pflegeaufgaben wahrgenommen werden.

Sie haben es schon kurz erwähnt, aber trotzdem nochmal die Frage: Haben Sie selbst aktuell Vereinbarkeitsbedarfe?

PP: Also, ich persönlich muss natürlich meine Arbeit organisieren und meine ganzen extracurricularen Arbeiten irgendwie mit meinem Studium matchen. Man merkt schon, dass sich teilweise viele Gedanken gemacht wird, wie Veranstaltungs- und Prüfungsformate an die derzeitige Online-Lehre angepasst werden müssen. Das alltägliche Leben ist gerade generell schwierig und dann muss man auch noch arbeiten nebenbei. Dann arbeitet man vielleicht in der Pflege oder hat auch andere Familienaufgaben. Es ist insgesamt schwieriger, es zu kombinieren. Früher ist man in die Uni gegangen und hatte fünf, sechs Stunden Zeit zum Lernen. Heute ist man Zuhause und für alle Problematiken permanent ansprechbar. Das Abgrenzen, dass man Zeit für sich und zum Lernen braucht, das ist schwierig. Studierende haben im Regelfall keine Wohnung, wo sie ein extra Arbeitszimmer haben, wo sie sich wirklich auf ihr Studium konzentrieren können, und ich glaube, das macht es im Moment allgemein ganz schwer.

LK: Ja, diese fehlende Abgrenzung, das kann ich auf jeden Fall unterstreichen. Wenn man mit Kindern studiert, ist das natürlich nochmal die zusätzliche Problematik, dass im Moment auch von der Seite zu wenig Planbarkeit da ist. Also, wenn die Kindergärten und Schulen eine Zeit lang geöffnet sind, dann weiß man nicht, wie lange das jetzt ist. Die Form der Beschulung ändert sich ständig und das heißt, da ist es schwierig lange in die Zukunft zu planen. Im Moment gibt es keine Verlässlichkeit.

Wie alt sind denn Ihre Kinder?


LK: Wir haben drei Kinder zwischen 4 und 16.

Da gibt es eine Menge Vereinbarkeitsbedarfe.

LK: Genau und die Form ist dann auch so unterschiedlich. Wir haben ein Kind im Homeschooling derzeit, ein Kind im Wechselmodell und ein Kind im Kindergarten.

Haben Sie da auch mal Betreuungsangebote der Uni genutzt oder sind Sie da komplett auf die üblichen Betreuungsangebote angewiesen?

LK: Also, derzeit habe ich keine Betreuungsangebote der Uni genutzt. In der Vergangenheit schon, aber z.B. die Kita der Uni ist vor allem für Mitarbeitende gedacht, weil es eine Betriebskita ist. Das heißt für Studierende gibt es da auch wenig Chancen reinzukommen.

Und wie sieht es bei anderen Studierenden aus, was sind so deren Vereinbarkeitsthemen?


PP: Ja, also Frau Kühnemann ist da schon ein gutes Beispiel. Alles, was ich höre, hängt sich genau an diesen Fragestellungen auf. Es gibt beispielsweise oft Notbetreuungen an den Universitäten, aber die können nicht immer im vollen Umfang durch die Studierenden genutzt werden. Generell ist es auch immer problematisch, dass teilweise die Kindergartenplätze, das ist vor allem in den westlichen Bundesländern ein Problem, dass einfach Studierenden, denen wird natürlich schon eine Dringlichkeit für Kita-Plätze eingeräumt, aber es ist alles mit sehr viel Organisation verbunden. Man wird oft ein bisschen schief angeguckt, habe ich das Gefühl, wenn man als Studierende Angebote in Anspruch nehmen will. Es herrscht immer noch dieses Mantra, dass das Studium bedeutet, man könnte sich ausruhen und hätte ganz viel Freizeit, aber das ist schon seit ganz vielen Jahren nicht mehr so.  

Studium bedeutet Vollzeitarbeit, besonders wenn man 30 ECTS pro Semester ableisten möchte und das ist, wenn man andere Belastungen in seinem Leben hat, eigentlich nicht zu stemmen. Man braucht einfach die Zeit zum Studieren und es ist schon sehr zeitaufwendig. Ein Studium soll ermöglichen, dass man sich tief in Themenbereiche einarbeiten kann, dafür muss man viel lesen und dafür muss man sich einfach sehr viel Zeit nehmen. Das ist manchmal schwierig, dass an die Außenwelt zu kommunizieren außerhalb von Hochschulen, dass Studieren eben kein Freizeitspaß ist.

Was sind Ihre Erfahrungen, werden diese Belange von Studierenden in der familien- und lebensphasenbewussten Personalpolitik überhaupt ausreichend berücksichtigt?

LK: Erstmal würde ich sagen, dass wir Studierende kein Personal der Hochschule sind. Die Hochschule ist nicht unser Arbeitgeber, aber abgesehen davon habe ich nicht das Gefühl, das es irgendwie vorgesehen ist, dass Studierende Kinder bekommen. Also, es ist etwas, das vorkommt. Wir Studierenden mit Kindern sind auch eine sehr kleine Gruppe an der Hochschule und dann eben auch sehr verstreut. Das heißt sich zu vernetzen und die Interessen zu bündeln, ist sehr schwierig.

Also fühlen Sie sich auch nicht ausreichend als Zielgruppe von den Maßnahmen, die es zur Vereinbarkeit von Studium, Familie und Privatleben gibt, anerkannt durch die Hochschulen?

LK: Nein, auf jeden Fall nicht. Also, es gibt bestimmte Maßnahmen der Familienpolitik an der Hochschule, die auch Studierende nutzen können, aber mein Eindruck ist dann eher, dass das eigentlich Maßnahmen sind, die sich an die Mitarbeitenden richten und dann schließt man die Studierenden auch noch teilweise mit ein.

Was denken Sie denn beide, was die Gründe dafür sind, dass eine bessere Vereinbarkeit speziell auch für Studierende nicht ausreichend mitgedacht wird?

PP: Ja, tatsächlich mangelt es leider auch an den gesetzlichen Grundlagen. So sind Studierende beispielsweise im allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG) oder auch dem Elternzeitgesetz nicht ausreichend oder überhaupt nicht abgebildet. Somit fehlt Hochschulen die rechtliche Grundlage. Man muss eindeutig sagen, dass es tatsächlich so ist, dass aufgrund gesetzlicher Grundlagen Gelder von den Ländern oder vom Bund durch die Hochschulen angeworben werden können, um etwa die familienpolitischen Maßnahmen für Studierende überhaupt zu installieren. Noch erschwerend kommt dazu, dass es zwar viele Studierende mit Kind gibt, sie aber gerade in den einzelnen Studiengängen, in den einzelnen Kohorten eine sehr kleine und somit auch marginalisierte Gruppe darstellen. Das ist ein Umstand, den man kritisieren kann. Man könnte dann vielleicht sagen, diese Studierenden sollen sich dann besonders aktiv in der Hochschulpolitik engagieren, aber das funktioniert tatsächlich einfach nicht. Für Hochschulpolitik braucht man Zeit und auch die Ressourcen und gerade bei Studierenden mit Kind sehe ich diese nicht wirklich.

LK: Ja, das ist richtig. Also, das ist tatsächlich das Problem, das die Ressourcen, die wir als Eltern haben, voll in das Studium gehen und eben die Betreuung und Erziehung unserer Kinder. Dann bleibt nichts mehr übrig, um sich für die eigenen Interessen einzusetzen. Also meine Erfahrung ist, dass ich es dann gerade schaffe, mich selbst durchzuboxen.

Wo sollte Ihrer Meinung nach das Thema Vereinbarkeit von Studium, Familie und Beruf auch an der Hochschule angesiedelt sein, weil oftmals liegt das bei den Gleichstellungsbeauftragten?

PP: Also, da muss ich sagen, dass alle Gleichstellungsbeauftragten, die mir so bekannt sind, sich unglaublich dafür engagieren, dass die Maßnahmen auch für Studierende umsetzbar sind. Das Recht auf eine freie Lehre bedeutet auch, dass gewisse Lehrpersonen sich an den Universitäten und Hochschulen nicht wirklich an Vorgaben gebunden zu fühlen scheinen bzw. da findet eine Beratung gar nicht proaktiv statt. Es gibt beispielsweise den Nachteilsausgleich aufgrund von Betreuungs- und Pflegeleistungen, der in der allgemeinen Prüfungsordnung festgeschrieben ist. Dann ist das aber praktisch so, dass man erst einen Konflikt haben muss, um dann den Weg ins Gleichstellungsbüro oder zum Familienservice zu finden. Dann wird da auch wirklich nach größten Bemühungen versucht, das zu regeln. 

Es findet allerdings keine proaktive Familienpolitik für Studierende statt. Es muss immer von den Studierenden eingefordert werden und es muss erst zu Krisen kommen. Das finde ich schade, denn im Endeffekt wird da ganz viel Potenzial zu Nichte gemacht. Deswegen sollte viel an die gesamten Lehrpersonen an den Hochschulen adressiert werden, denn auch die Gleichstellungsbüros sind personell nicht so ausgestattet, dass sie jeder Studentin und jedem Studenten proaktiv schon alles an die Hand geben könnten. Natürlich gibt es ganz viele Informationsangebote und die Gleichstellungsbüros und die Familienservices machen wirklich viel, aber es fehlt, dass das wirklich bei den Studierenden ankommt. Das ist einfach problematisch.

Was sind Ihre konkreten Verbesserungswünsche hinsichtlich der Vereinbarkeit von Studium, Familie und auch Privatleben?


PP: Man muss einfach sagen, Studierende sind keine homogene Masse, sondern es ist eine unglaublich diverse Studierendenschaft an allen Hochschulen. Also, die ganzen guten Arbeitsansätze, Ideen und Maßnahmen in den Hochschulen müssen auch für Studierende operativ und strategisch gedacht werden und das darf nicht immer von oben dieses normative Wohlwollen da sein, sondern es muss sich wirklich im operativen und strategischen Geschäft der Hochschulen niederschlagen. Es muss einfach mehr institutionalisiert werden, dass Studierende Kinder haben oder dass Studierende Pflegeleistungen erbringen müssen. Dafür braucht es noch ein bisschen Grundlagenarbeit.

Wie sehen Sie das, Frau Kühnemann?

LK: Ja, genauso wie Frau Pötzsch.

Stoßen Sie mit ihren Verbesserungswünschen denn auf offene Ohren bei den Hochschulen?

PP: Das ist schwierig zu sagen. Es kommt ein bisschen auf den Themenbereich an. Leider muss man sagen, dass es oft nicht passiert, bzw. ist es sehr themenabhängig. Hochschulen sind als Institutionen ein starres System und teilweise ist es schwierig, die eigenen guten Ideen und Einfälle, ob die jetzt aus der verfassten Studierendenschaft, von einzelnen Studierenden oder Studiengängen kommen, dass punktuell dann Verbesserungen stattfinden, die aber nicht wirklich auf die ganze Institution überspielt werden. Es fehlt immer dieser letzte Schritt. Es gibt dann einzelne Vereinbarungen in Fachbereichen, aber oft gilt das dann nicht für die ganze Hochschule. Das ist problematisch. Es müsste sich einfach mehr mit dem Stimmgewicht in den universitären und hochschulischen Gremien der Studierenden verändern. Studierende können mit ihren Ansätzen in allen Hochschulgremien immer überstimmt werden und wenn beispielsweise die Gruppe der Hochschullehrer eine Idee für nicht nötig empfindet, dann ist dieser „Need“ der Studierenden, dann gekappt.

Und Wie sehen Sie hier die Chancen einer strategisch ausgerichteten Vereinbarkeitspolitik?

LK: Die Hochschulen müssten ein wirkliches Interesse daran haben. Das Entscheidende ist, dass die Hochschule wirklich ein intrinsisches Interesse hat, Vereinbarkeitspolitik zu machen und nicht nur familiengerechte Maßnahmen labeln und sich damit brüsten möchte.

PP: Studierenden mit Kind muss mehr Wichtigkeit eingeräumt werden. Wir sehen uns außerhalb der Personalpolitik. Wir sind nicht unbedingt angestellt bei der Universität, nur weil wir Studierende sind. Da muss zielgruppenspezifisch ein bisschen mehr getan werden. Auch Änderungen am AGG oder am Elternzeitgesetz wären insgesamt noch zuträglich, aber es muss von den Hochschulen eingestanden werden, dass Studierende nicht unter die Personalpolitik fallen.

LK: Das gilt natürlich auch für Diversität allgemein an der Hochschule. Studierende mit Kind sind nicht einfach nur Studierende mit Kind. Eins meiner Kinder ist pflegebedürftig, das heißt ich bin gleichzeitig Studierende mit Kind, ich bin aber auch pflegende Angehörige. Dann gibt es noch viele Studierende, die mit Kind noch zusätzlich arbeiten müssen oder andere Marginalisierungserfahrungen haben. Diese außergewöhnlichen Lebenslagen sehe ich an der Hochschule nicht berücksichtigt, weil alles auf einen Normstudierenden ausgerichtet zu sein scheint.

PP: Genau, selbst eine Erkrankung der Studierenden selbst führt permanent zur Ausbildungsverlängerung. Das ist einfach Diskriminierung. Die Installierung der Regelstudienzeit im Zuge der Bologna- Reform und die insgesamt wirklich geringe Bafög-Förderungsquote sind für alle Studierenden ein sehr großes Problem. Dann kommen in späteren Semestern auch noch die Leistungsnachweise für den Erhalt des Bafögs hinzu. Das ist insgesamt wenig lebensfreundlich. Es fehlt teilweise am Lebensbezug in diesen doch sehr verwaltungsorientierten Gremien.

Also gibt es noch viel Nachholbedarf.

LK: Ja.

PP: Ja, ich glaube, das kann man schon sagen. Aber ich glaube, es gibt schon ganz viele Maßnahmen an der Hochschule, die mit einer leichten Anpassung s gut und auch passgenau für Studierende funktionieren könnten. Natürlich ist uns auch bewusst, was die Hochschulen derzeit leisten, aber es muss einfach mit ein bisschen mehr Mut vorangegangen werden. Wir wissen alle, wie schlecht die Hochschulen finanziert sind. Das ist auch ein Problem. Wenn man als Hochschule z.B. Beratungsstellen installieren will, dann fehlt es tatsächlich auch an Geldmitteln damit diese Stellen auch finanziert werden können. Deswegen kann man diese ganzen Verbesserungen nicht nur an die Hochschulen adressieren, sondern muss das an die Landes- und Bundespolitik adressieren, weil nur wenn genügend Geldmittel in den Hochschulen vorherrschen, können diese wunderbaren Maßnahmen im großen Umfang umgesetzt werden.

Können Sie mir noch folgenden Satz ergänzen: Eine Hochschule bietet dann adäquate familiengerechte Studienbedingungen, wenn ….

LK: sich Studierende wegen der Bedingungen der Hochschule dafür entscheiden, Kinder zu bekommen und nicht TROTZ der herrschenden Bedingungen. Denn das Studium ist eigentlich eine gute Zeit, um Kinder zu bekommen, würde ich trotz allem sagen, da prinzipiell von der Struktur her eine gute Vereinbarkeit zwischen Studium und Elternschaft möglich ist. Wenn ich genug Zeit habe, kann ich mir das Studium frei einteilen. Ich glaube auch, dass die Hochschule selbst von eben diesen Menschen in verschiedenen Lebenslagen profitieren kann, weil sie ganz andere Erfahrungen einbringen.

PP
: Und ich würde den Satz vielleicht folgend beenden: wenn die Möglichkeiten und Maßnahmen der Hochschule im Sinne einer familiengerechten Ausrichtung für Studierende genauso ausgeschöpft werden, wie für andere Statusgruppen.

Hier geht es zur Podcastfolge.

 

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