Mittwoch, 20. Mai 2026

V-Vibes: Das Ehrentags-Issue

Die Feste feiern, wie sie fallen? Umsichtiger Umgang von Arbeitgebern ist gefragt.
(Quelle: Artem Podrez on pexels.com)

Was bislang #VereinbarkeitsVibes hieß, wird jetzt zu V-Vibes. Das V steht dabei nach wie vor für Vereinbarkeit und nun zusätzlich für Vielfalt, denn wir weiten unseren Blick auf die Diversity-Aspekte – und das nach der Einführung des audit beruf&vielfalt umso intensiver. In dieser Ausgabe der also V-Vibes titelnden Serie befasst sich unsere Kommunikationskollegin Silke Güttler mit der Frage, ob und wie Ehrentage wie der Muttertag von Arbeitgebern aufzugreifen sind.

Irgendwie habe ich es zugelassen, dass ich auf so manchen Werbe-Mailing-Listen stehe. Während ich die meisten Eingänge stoisch wegklicke, bin ich bei einer Mail eines bekannten niederländischen Kosmetikunternehmens hängen geblieben. „Sie wollen keine Muttertags-E-Mails?“ lautete der Betreff der Mail, die genau drei Wochen vor dem besagten Ehrentag eintraf. Kurz und knapp war der Inhalt der Mail, der im Kern darauf einging, dass der Muttertag nicht für jede*n Anlass zum Feiern gibt. Der Call-to-Action dazu: Wer mochte, konnte sich über einen Button direkt von Mails zu dem Thema abmelden.

Bemerkenswert. Da hat sich ein Unternehmen auf die unterschiedlichen Lebensrealitäten seiner Kund*innen eingestellt. Ist das auch so in unserer Arbeitswelt?

Viele Arbeitgeber greifen kalendarische Anlässe mittlerweile beherzt auf – und das nicht nur in der Außenkommunikation, um ihren Angeboten oder ihrer Tätigkeit einen Aufmerksamkeits-Push zu verleihen. Aktions-, Awareness- und Ehrentage werden auch häufig intern zelebriert. Die Botschaft ist dabei i.d.R.: Die Mitarbeitenden werden gesehen – als Menschen mit privaten Aufgaben und mit Bedarfen.

Das ist eine großartige Sache. Also grundsätzlich. Denn wenn Mütter und ihre Leistung (Wir bleiben mal bei dem Muttertagsbeispiel.) gefeiert werden, dann zeugt das von Wertschätzung der Mitarbeitenden, die diese Rolle haben. Diese kann schon durch eine einfache Mail an die gesamte Belegschaft gezeigt werden. In manchen Organisationen gibt es sogar Blumen. Man kann sich darüber streiten, was hier sinnvoll ist.

Was macht das mit den Beschäftigten, für die dieser Tag nichts Feierwürdiges hat, sondern eher negative Emotionen hervorruft? Dafür kann es verschiedene Gründe geben: ein unerfüllter Kinderwunsch, der Verlust eines Kindes oder der Tod der eigenen Mutter, ein schwieriges Verhältnis zum Elternhaus usw. Die Muttertagsidee kann durchaus schmerzhaft sein.

Deutlich wird: Gehen Arbeitgeber auf eine Mitarbeitendengruppe gesondert ein, ist die Gefahr groß, alle anderen zu vernachlässigen, manchmal sogar vor den Kopf zu stoßen. Gerechterweise müssten sie alle in irgendeiner Form würdigen. Wenn Sie die Mütter feiern, feiern sie dann auch die Kinderlosen, die Singles und die Alleinstehenden?

Ich frage mich: Bedeutet dieses Ehrentagsdilemma also „jeden Ehrentag feiern oder keinen“? Alles oder nichts? Das erste wäre kaum stemmbar, das zweite kann ignorant wirken.

Arbeitgeber können es sich leicht machen und ganz darauf verzichten, Ehrentage präsent zu machen. So würde kein Fokus auf einzelne Gruppen gelegt und somit auch niemand ausgegrenzt. Darin liegt jedoch eine Krux: Konsequenterweise würde das nicht nur Ehrentage betreffen, sondern beispielsweise auch religiöse Feiertage. Aber Ostern und Weihnachten sind nun mal fester Bestandteil unseres Lebens hierzulande (ob man christlich geprägt ist oder nicht) und lassen sich auch nicht aus der betrieblichen Wahrnehmung streichen.

Arbeitgeber, die sich systematisch mit Fragen der Vereinbarkeit und/ oder der Vielfalt ihrer Mitarbeitenden beschäftigten, stehen fortlaufend vor der Herausforderung, das Verständnis für individuelle Bedarfe zu heben und gleichzeitig jede*n mitzunehmen. Das im besten Sinne „sehen und gesehen werden“ – auch das macht ein gutes Arbeitsklima und eine funktionierende Zusammenarbeit aus. Doch wie geht das?

Das Grundrauschen ist entscheidend; soll heißen: dafür Sorge tragen, dass jede*r Beschäftigte sich mit seinen Eigenschaften und Fähigkeiten einbringen und gleichzeitig Aspekte wie Lebenssituation, Lebensphase und individuelle Challenges berücksichtigt werden. Das beweist sich im Alltag, in der Top-Down-Kommunikation, in Mitarbeitendengesprächen, im Walk-the-Talk zwischen Führungskraft und Mitarbeitenden und im täglichen Miteinander des Teams. Ist das gegeben, fühlt es sich auch ok an, wenn – ob über das Vehikel Ehrentage oder andere (kommunikative) Aktionen – das Scheinwerferlicht auf einzelne Gruppen gelegt wird, um für deren Belange zu sensibilisieren. Was mir dabei noch besser gefallen würde: Wenn das Spotlight auf eine bestimmte Gruppe fällt, dann das Warum erläutern. Und: offen sagen, dass darin eben nicht die Absicht steht, die Interessen, Aufgaben, Anliegen oder die Situation Nicht-Betroffener zu schmälern. Gerne kräftig betonen, dass die Wertschätzung allen Angehörigen der Organisation in gleichem Maße gilt.

Übrigens: Das niederländische Kosmetikunternehmen hat auch zum Thema Vatertag seinen Kund*innen die Möglichkeit der Mailsperre gegeben.

Silke Güttler

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