Was tun, wenn chronische Schmerzen den Arbeitsalltag von Mitarbeitenden beeinträchtigen? Unsere Recherche zeigt, dass länger anhaltende oder immer wieder auftretende Schmerzen keine Seltenheit und damit von hoher Relevanz für Arbeitgeber sind. Mehr zu Auswirkungen und hilfreichem Umgang mit chronischem Schmerz gibt es hier.
Chronische Schmerzen – das sind Schmerzen, die über einen längeren Zeitraum anhalten. Meist wird dabei von mehr als drei bis sechs Wochen (je nach Schmerzart) ausgegangen. Und auch wiederholt auftretende Schmerzen werden als chronisch eingestuft. Bei 54% der Erwachsenen mit erheblichen Schmerzen, sind diese intermittierend, bei 46% konstant.[1]
Rücken- und Kopfschmerzen sind am häufigsten chronifiziert. Auslöser für Schmerzen im Rücken können sowohl körperliche Tätigkeiten und Fehlbelastung als auch zahlreiche psychische, soziale und auch demografische Faktoren sein.
Einige Kopfschmerzen werden durch die Ernährung ausgelöst oder sind personal oder beruflich bedingt. Somatische, psychische und soziale Faktoren können eine Rolle bei Migräne spielen. Bekannt ist auch, dass Alkohol, Stress oder das Abfallen von Anspannung zu Migräneattacken führen kann. Bei der so genannten menstruellen Migräne sind die Hormone die Übeltäter.
Was der Schmerz mit uns macht[3]
Dauerhaft oder wiederholt mit Schmerzen zu kämpfen ist körperlich und psychisch zehrend. Betroffene zeigen oft eine Verlangsamung der Motorik, Gestik und/ oder Mimik. Bei akutem Schmerz ist die Kommunikation häufig mitbeeinträchtig: Es kommt zu Konzentrations- und Wortfindungsstörungen. Die Aufmerksamkeit ist getrübt, das Kurz- und das Langzeitgedächtnis stocken. Vielfach ist auch die Möglichkeit zum abstrakten Denken eingeschränkt. Entscheidungen zu fällen oder Probleme zu lösen, fällt besonders schwer.
Mediziner*innen beobachten bei Personen mit chronischen Schmerzen häufig eine anhaltende traurige Verstimmung und negative Gesamtsicht. In verstärkter Form wird dabei von einem algogenen Psychosyndrom gesprochen – soll heißen, es treten psychische Störungen in direkter Folge der Schmerzbelastung auf. Dabei steht teilweise eine Suizidgefahr im Raum.
Vielfach ist die Erlebnisfähigkeit von Menschen mit chronischem Schmerz eingeschränkt, genauso wie Interessen. Typisch sind auch Schlafmangel und -losigkeit.
Schmerzhaft für Job und Privatleben
50% der Menschen mit chronischen Schmerzen berichten, dass ihre Beschwerden direkte Auswirkungen auf ihren Beschäftigtenstatus haben – also, ob sie beispielsweise in Vollzeit oder Teilzeit tätig sind. Bei der Arbeit empfinden 42% der Erwerbstätigen mit chronischen Schmerzen, dass diese die Ausführung ihrer Tätigkeit beeinflussen. 18% der Patient*innen sind sogar gar nicht fähig zu arbeiten.
Auch vor dem Privatleben machen chronische Schmerzen keinen Halt. Etwa 4 von 10 (39%) der Patient*innen nehmen war, dass das Zusammenleben mit der Familie und Freundschaften negativ beeinflusst sind. Ein Fünftel (21%) hat sogar das Gefühl der sozialen Isolation.[4]
Mit entlastenden Arbeitbedingungen Potenziale Erkrankter heben und Performance stärken
Heißt das also, Mitarbeitende mit chronischen Schmerzen sind Low-Performer*innen? Nein! Migräniker*innen zum Beispiel haben in der Zeit ohne Symptome meist eine längere
Aufmerksamkeitsspanne als Nicht-Migräniker*innen. Auffällig ist laut Studien zudem ihre extrem hohe Lösungskompetenz. Sie vertiefen sich stärker in Aufgaben, geben nicht so schnell auf wie Nicht-Betroffene. Spannend auch: Sie erkennen Details rascher.[5] Das Migräne-Hirn zeigt demnach ein besonderes Leistungsverhalten, das für Arbeitgeber absolut wertvoll ist.
Menschen mit chronischen Schmerzen können also High-Performance abliefern. Das ist nicht immer zu erwarten – auch nicht von Beschäftigten ohne chronische Schmerzerkrankung. Arbeitgeber sollten sich eher die Frage stellen, wie sie die Teilnahme am Arbeitsleben von Betroffenen so gestalten, dass sie ihre Potenziale bestmöglich einbringen können. Dabei behalten wir im Hinterkopf, dass es in der Verantwortung der Erwerbstätigen liegt, eine medizinische bzw. therapeutische Begleitung anzusteuern und zu nutzen. Ein nicht einfaches Unterfangen, da eine erfolgreiche Schmerzbehandlung oft verschiedene Therapien und damit die Beteiligung diverser Fachdisziplinen braucht.
Chronische Schmerzen unterscheiden sich in hohem Maße in ihrer Form und in ihrer Ausprägung/ Intensität. Der Umgang damit ist also so individuell wie die Beschäftigten selbst. Im Folgenden nennen wir stichwortartig und beispielhaft Maßnahmen, die Arbeitgeber ergreifen können.
Unsere Tipps
- Kommunikation
- Offener Austausch zwischen Führungskraft und betroffenen Mitarbeitenden über das Schmerzbild, über Auswirkungen auf die Arbeit sowie Eruierung der Möglichkeiten zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen
- Information und Austausch im Team/ mit Kolleg*innen für Transparenz im gegenseitigen Umgang
- Infoangebote zu thematischen Anlaufstellen/ Selbsthilfegruppen und/oder Literatur
- Arbeitsbedingungen – Arbeitszeit, -organisation und -ort
- Ggf. (vorübergehende) Anpassung der Aufgaben oder Wechsel des Arbeitsbereichs
- Arbeitsplatzausstattung überprüfen und ggf. anpassen, z.B. mit ergonomischen Hilfen: verstellbare Schreibtische und Stühle, Mittel zur Lärmreduzierung (Noise-Cancelling-Kopfhörer), dimmbares Licht
- Nutzung von Ruheräumen (sofern vorhanden) im Arbeitsmodus oder auch in Pausen
- Home-Office- bzw. Remote-Work-Option
- Flexible Arbeitszeiten
- Längere Erholungsphasen ermöglichen
- Serviceleistungen
- Angebot der Nutzung von EAP-Leistungen (sofern vorhanden)
- Nutzung von Angeboten im Rahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM)
[1]
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9294845/
[2]
https://www.dgai.de/aktuelles-patientinnen-projekte/pressemitteilungen/2216-aktionstag-gegen-den-schmerz-fachaerztinnen-und-fachaerzte-fuer-anaesthesiologie-setzen-sich-fuer-behandlung-von-schmerzpatienten-ein.html
[3]
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9294845/
[4]
https://www.schmerzgesellschaft.de/fileadmin/pdf/Aktionstag-Zahlen-Fakten.pdf
[5]
https://www.youtube.com/watch?v=bJaWltOOAwc

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