Donnerstag, 8. November 2018

Podcast (Folge 5): Schichtgestaltung, die ins Leben passt



Wer in Schicht arbeitet, hat keine Chance Beruf, Familie und Privatleben miteinander zu vereinbaren? Stimmt nicht, sagt Elke Hömske, Auditorin der berufundfamilie. Sie gibt im Podcast konkrete Empfehlungen, wie eine Schichtgestaltung aussieht, die ins Leben passt, und ermöglicht einen Einblick, wie beispielsweise Rewe, Selgros oder das Uniklinikum Münster ihre Mitarbeiter*innen entlasten.


In der vierten Folge der Podcast-Serie „HR Experten im Vereinbarkeits-Talk“ spricht Johanna Pöhland mit Elke Hömske, Auditorin der berufundfamilie Service GmbH, über eine familien- und lebensphasenbewusste Personalpolitik. Nachfolgend lesen Sie eine Zusammenfassung des Gesprächs.

Immer mehr Beschäftigte arbeiten in Schichten. In 2016 waren es rund 18 % der Erwerbstätigen. Welche Schichtmodelle gibt es?

Schichtarbeit ist in der Tat nicht mehr aus dem Arbeitsleben wegzudenken. In unterschiedlichen Branchen wird in Schicht gearbeitet: Ob bei der Polizei, im Krankenhaus, am Flughafen, in der Logistik, durch verlängerte Öffnungszeiten zunehmend im Handel, im Produktionsunternehmen aber auch im Dienstleistungssektor etwas wenn wir an Call-Center oder Busfahrer denken.

Unterschieden wird häufig in drei Schichtmodelle: Im vollkontinuierliche Schichtsystem wird an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr gearbeitet. Die Beschäftigten variieren zwischen Früh-, Spät und Nachtschicht. Diese Modelle finden wir häufig in Krankenhäusern im Bereich der Pflege oder im ärztlichen Dienst wieder. Beschäftigte in Produktionsunternehmen arbeiten hingegen oftmals im diskontinuierlichen Schichtmodell. Dieses System sieht freie Wochenenden vor – sofern keine Überstunden anfallen. Die dritte Variante ist das teilkontinuierliche Schichtsystem, das ebenfalls eine Beschäftigung an sieben Tagen die Woche vorsieht, jedoch auf Nachtarbeit verzichtet. Dieses Modell findet sich zum Beispiel an Flughäfen wieder, wo ich bis spät in den Abend hinein meinen Leihwagen von Mitarbeiter*innen des Autoverleihs in Empfang nehmen kann. Ganz klassisch kann man auch von Zwei-, Drei- oder Vier-Schichtsystem besprechen.

Welche Herausforderungen haben Beschäftigte, wenn sie in Schicht arbeiten?

Vorweg möchte ich sagen: Beschäftigte die in Schicht arbeiten, sprechen auch häufig über die Vorteile. Denn nicht zuletzt weiß eine Krankenschwester im Vorfeld, wenn sie sich für ihren Beruf entscheidet, muss sie in Schicht arbeiten.

Wichtig für die Beschäftigten ist: Sprechen sie offen über ihre privaten Anforderungen die im Konflikt mit der Schichtplanung stehen, sollte ihr Arbeitgeber ein offenen Ohr für ihre Anliegen haben und versuchen eine Lösung zu finden. In Schicht arbeitenden Menschen sind nicht die unzufriedensten Mitarbeiter*innen.

Dennoch: Mit der Schichtarbeit können gesundheitliche Gefährdungen einhergehen, wie zum Beispiel Schlafstörungen, ein erhöhtes Erkrankungsrisiko, Magen-Darm-Probleme oder Herzkreislauferkrankungen sind ernsthaft Nachteile, die durch Schichtarbeit entstehen können. Ich beobachte: Unternehmen die von uns auditiert sind und eine gewisse Mitarbeiterorientierung haben, sind sich diesen Schwierigkeiten bewusst und bemühen sich ihre Beschäftigten zu entlasten. Ein unumstößlicher Nachteil ist, arbeiten zu müssen, wenn andere frei haben. Das steht häufig im Konflikt mit der Vereinsaktivität oder dem Familienleben.

Welche Vorteile äußern Beschäftigte, die in Schicht arbeiten?

Was einerseits ein Nachteil ist, ist häufig auch ein Vorteil: Nämlich frei zu haben, während andere arbeiten. Behördengänge, Arztbesuche, Einkäufe usw. lassen sich so entspannter erledigen. Ein spezielles Beispiel zeigt:

Es lässt sich nicht pauschalisieren. Was der eine als Nachteil empfindet, bevorzugt der andere.

Die Rewe Group trägt das Zertifikat der berufundfamilie. Dort sprach ich zuletzt mit einer jungen Marktassistentin, die junge Mutter ist und neben dem Beruf eine Weiterbildung zur Handelsfachwirtin absolviert. Weil sie abends, wenn das Kind endlich eingeschlafen ist, zu müde ist, um noch zu lernen, möchte sie gerne ihre Schicht teilen. Sie würde gerne morgens für ein paar Stunden im Markt arbeiten und anschließend nach Hause fahren, um konzentriert für die Schule lernen zu können. Am späten Nachmittag, wenn ihr Mann die Betreuung des Kindes übernehmen kann, würde sie gerne die restlichen Stunden arbeiten. Eine Reduzierung der Stunden ist aus finanziellen Gründen keine Option. Eine geteilte Schicht würde es ihr ermöglichen Weiterbildung, Kinderbetreuung und Job unter einen Hut zu bekommen. Allerdings blockiert der Betriebsrat diese Lösung, was völlig verständlich ist, wenn es darum geht, dieses Modell auf alle Beschäftigten auszudehnen. Viele Beschäftigte würde diese Lösungen ablehnen – für diesen individuellen Fall jedoch ist das Veto des Betriebsrats ein Hindernis für die Vereinbarkeit.

Klassische Vorteile sind: Viele Beschäftigte nehmen gerne die finanziellen Zuschläge mit, die in mit der Schichtarbeit einhergehen. Dies bestätigte mir zum Beispiel vor kurzem ein Logistiker im Handelsunternehmen Selgros. Darüber hinaus begegnen mir in der Gesundheitsbranche häufiger junge Mütter, die die Nachtschicht als Möglichkeit nutzen, um in Elternzeit schneller wieder in den Beruf einsteigen zu können.

Was antwortest du denjenigen, die sagen Schichtarbeit und Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben widersprechen sich.

Ich sage ganz klar, das stimmt so nicht. Was oft vergessen wird: In Schichtsystemen wird ja nicht rund um die Uhr gearbeitet, sondern die Menschen haben zwischen den Schichten freie Zeiten, die sie sehr wertschätzen. Doch bei der vereinbarten Arbeitszeit liegt ganz klar eine Stellschraube. Teilzeitmodelle ermöglichen Beschäftigten mit einem Vereinbarkeitsanliegen mehr Flexibilität und werden deshalb gerne in Anspruch genommen.

Ein Lagerleiter der Rewe Group sagte mal zu mir, er hätte vor dem Auditierung durch die berufundfamilie nicht gedacht, dass Teilzeit in der Logistik möglich ist.

Es ist möglich. Aber nicht in einem Umfang der absolut frei für alle ist. Sondern es muss betriebswirtschaftlich klug auf die Schicht geschaut und entschieden werden, wie viele Beschäftigte können in Teilzeit arbeiten und wie viele müssen in Vollzeit arbeiten. Denn oberste Priorität hat: Der Betrieb muss laufen. Aber natürlich möchte ich das nicht schön färben. Genauso höre ich beispielsweise von einem jungen Mitarbeiter, der abends zum Fußballtraining gehen möchte, dass seine privaten Interessen mit der Spätschicht kollidieren. Oder ältere Beschäftigte, die schon lange in Schicht arbeiten, sprechen über gesundheitliche Einschränkungen. Es ist die Aufgabe des Arbeitgebers für die Beschäftigten um Lösungen zu ringen.

Und wie können Lösungen gefunden werden?

Um Lösungen zu finden, die alle im Unternehmen mittragen können, empfehlen wir das Konzept des Vereinbarkeits-Trialogs anzuwenden. Der Trialog ist gekennzeichnet durch drei Eckpunkte. Oben steht die Führungskraft, die verantwortlich dafür ist, dass der Laden läuft und die betriebswirtschaftlichen Aufgaben erfüllt werden. Einen weiteren Eckpunkt bilden die Beschäftigten, die mit ihren individuellen Nöten auf die Führungskraft zukommen. Der eine spricht zum Beispiel seine Schlafstörungen an oder die junge Mutter ist nicht mehr so flexibel wie sie es vorher mal war, weil sie sich nun nach den KiTa-Schließzeiten richten muss. Oftmals verläuft in Unternehmen eine Lösungsfindung bilateral zwischen Führungskraft und Mitarbeiter.

Wir empfehlen, das Team miteinzubeziehen und zwischen Führungskraft, Mitarbeiter*in und dem Team offen darüber zu sprechen, welche Lösung möglich ist, damit 1. der Laden weiterhin läuft, 2. die/ der Mitarbeiter*in Beruf, Familie und Privatleben vereinbaren kann und 3. die Lösung nicht auf Kosten anderer Teammitglieder geht.

Zusammengefasst: Wie können Unternehmen Schicht gestalten, damit sie familien- und lebensphasenbewusst ist?

Um Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben zu ermöglichen, gebe ich folgende Tipps:

1. Planen Sie Schicht möglichst lange im VorausMeine Empfehlung ist, die Schichtpläne mindestens zwei Wochen im Voraus zu planen. Vielen Unternehmen gelingt es auch vier oder sechs Woche im Voraus, in roulierenden Schichten kennen Beschäftigte ihre Arbeitszeiten ein halbes oder ein ganzes Jahr vorher.

2. Führen Sie einen Wunschkalender ein
Geben Sie ihren Beschäftigten die Möglichkeit frei zu nehmen, wenn beispielsweise die Hochzeit der Tochter stattfindet oder sie das Jugendcamp der Feuerwehr begleiten möchten. Ebenso sollten Weiterbildungen und die Krankheitsquote bei der Schichtplanung einkalkuliert werden. Wenn das betriebswirtschaftlich klug gelöst wird, ist das für die Beschäftigten gut und ihre Zufriedenheit steigt.

3. Vermeiden sie ungünstige Schichtwechsel
Achten Sie bei der Schichtplanung darauf, häufige und ungünstige Wechsel zwischen den Schichten zu vermeiden.

4. Lassen Sie besondere Schichten zu
Das Uniklinikum Münster bietet seinen Beschäftigten die Möglichkeit für einen befristeten Zeitraum aus dem roulierenden System rauszugehen und in einer festen Schicht zu arbeiten. Vielleicht für ein halbes Jahr hat der Beschäftigte so die Chance, auf die besonderen Anforderungen der Familie einzugehen. Damit diese besondere Schicht arbeitsorganisatorisch reinpasst, muss der Mitarbeiter dem Arbeitgeber entgehen kommen. Er wird auf verschiedenen Stationen eingesetzt oder muss bestimmte Arbeitsaufgaben erledigen.

5. Denken Sie über Teilzeitmodelle nach
Nun kann man sagen, es gibt doch das Recht auf Teilzeit, wo ist das Problem. Aber die Praxis sieht in Schichtbetrieben anders aus. Sie schrecken häufig davor zurück, Teilzeitmodelle anzubieten. Ich sage: Mit vorausschauender Planung ist das möglich, aber, wie oben beschrieben, eben nicht jeden.

6. Ermöglichen Sie mehrere freie Tage

Zwei oder drei freie Tage am Stück sind besonders für ältere Beschäftigte wichtig, um sich körperlich von der geleisteten Schicht zu erholen.

7. Längere Urlaubsphasen ermöglichen
Gängige Praxis ist es, maximale Urlaubszeiten von zwei Wochen anzubieten. Jedoch profitieren Unternehmen von erholten Mitarbeiter*innen, wenn diese im Gegenzug auch mal drei oder gar vier Wochen Urlaub nehmen können.



Elke Hömske
(Foto: Martina Seitz)


Seit über 20 Jahren ist Elke Hömske als freiberufliche Beraterin mit den Schwerpunkten Personal- und Organisationsentwicklung, familien- und lebensphasenbewusstes Personalmanagement aktiv. Als Auditorin der berufundfamilie Service GmbH begleitet sie mit Herzblut Unternehmen verschiedener Branchen und Größen und als Vorstand der berufundfamilie Management eG gestaltet sie in Zusammenarbeit mit dem Geschäftsführer der berufundfamilie Service GmbH die Weiterentwicklung des Unternehmens mit.

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