Mittwoch, 10. Juli 2019

Jede Jeck vereinbart anders – von Lebensphasen und -umständen sowie individuellen Lebensentwürfen

Wer vereinbart wie? Neben Generationenzugehörigkeit sind Lebensphase, Lebensumstände und Lebensentwürfe entscheidende Parameter (©berufundfamilie Service GmbH)

Wann oder wodurch entwickeln sich welche Vereinbarkeitswünsche bei Beschäftigten? Wenig überraschend lautet die Antwort: Das Leben gibt die Bedarfe vor. Welche – z.T. bislang vernachlässigten – Entscheidungsparameter dafür verantwortlich sind, dass Beschäftigte unterschiedliche Anliegen bezüglich der Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben haben, zeigt dieser Blog.

Vereinbarkeitsanliegen sind so verschieden wie die Beschäftigten selbst. Geprägt werden diese nicht nur von der Generationenzugehörigkeit; die jeweilige Lebensphase sowie die persönliche Lebensumstände und die individuellen Lebensentwürfe spielen ihre gewichtigen Rollen. Der Megatrend der Individualisierung ist in der Personalpolitik angekommen!

Lebensphasen – und der Fokus wandert


Die jeweilige Lebensphase hat unmittelbare Auswirkungen auf den Umfang sowohl des beruflichen als auch des privaten Engagements. Je nach Lebensphase fließen Energie und Ressourcen von Beschäftigten mal mehr ins Private, mal mehr ins Berufliche. Befindet sich ein Beschäftigter etwa in der Familiengründungsphase, legt er den Fokus in der Regel auf Partner*in und Kinder. Erkennbar ist, dass sich Beschäftigte über die Lebensphasen hinweg ständig zwischen der Fokussierung auf Berufliches und Privatem hin und her bewegen. Und: Eine Lebensphasenkurve verläuft immer individuell. Anzunehmen ist, dass sich Arbeitgeber als idealen Verlauf einen fortlaufenden Ressourcenfokus im beruflichen Bereich wünschen. Doch: Dies entspricht nicht der gelebten Realität.

Für Arbeitgeber besteht die Aufgabe darin, individuelle Lebensphasenverläufe wertfrei anzuerkennen und sich der daraus jeweils erwachsenden Vereinbarkeitswünsche anzunehmen. So müssen Arbeitgeber auch damit rechnen, dass ein High-Performer trotz geringer Betreuungsaufgaben im privaten Bereich phasenweise zum Low-Performer werden kann. Eventuell stellt sich – vor dem Hintergrund jahrelangen beruflichen Overpowerments – etwa die Sinnfrage „War das alles?“. In einem solchen Fall tun Arbeitgeber gut daran, das offene Gespräch mit dem Betroffenen zu suchen. Welche Unsicherheiten liegen vor? Welche Perspektiven braucht es? Welche Vereinbarkeitsmaßnahmen können angeboten werden, um den Beschäftigten weiterhin binden und seine Potenziale langfristig nutzen zu können? Ist eine Arbeitszeit-Reduzierung attraktiv, da dann einem gesellschaftlichen Engagement nachgegangen werden kann? Ist ein Sabbatical gewünscht? Oder können durch einen Wechsel in einen anderen Aufgabenbereich und einer entsprechenden Weiterbildung neue Impulse gegeben werden? Letzten Endes geht es für Arbeitgeber mit der Eröffnung dieser Angebote darum, die Gefahr eines kompletten Verlusts einer/ eines fähigen Beschäftigten einzudämmen.

Lebensumstände – und die ewige Koordination


Eng verknüpft mit Lebensphasen sind die persönlichen Lebensumstände von Mitarbeiter*innen. Mit Lebensphasen gehen oft bestimmte Lebensumstände einher – etwa, wenn ein Kind geboren wird und somit der Lebensumstand der eigenen Familie eintritt. Aber Lebensumstände können sich auch über mehrere Lebensphasen erstrecken. Eine Partnerschaft, das Singledasein, das Leben als Witwe/r, als Mutter oder Vater innerhalb einer Partnerschaft oder als Alleinerziehende/r markiert Lebensumstände. Beschäftigte koordinieren ihr Privatleben entlang dieser Umstände.

Oft haben die Umstände auch Einfluss auf den Umfang der Erwerbstätigkeit. Sicher ist: Aus den Lebensumständen ergeben sich unterschiedliche Vereinbarkeitsanliegen. Wer in einer Partnerschaft mit Kindern lebt, kann sich die Betreuungs- und Erziehungsaufgaben ggf. teilen. Möglicherweise ist ein/e Partner*in in Teilzeit tätig, um mehr Zeit mit dem/ den Kind/ern zu verbringen, während die/ der andere Partner*in ihrem/ seinem Beruf in Vollzeit nachgeht. Denkbar ist dieses Modell vor dem Hintergrund der finanziellen Sicherung durch ein volles Einkommen. Alleinerziehende werden hingegen bei engeren familiären Aufgaben stärker auf ein soziales Netz außerhalb einer Partnerschaft zurückgreifen. Als Alleinerziehende sind sie in der Regel auch die Hauptverdiener. Der Umfang ihrer Erwerbstätigkeit bildet in der Regel die finanzielle Grundlage des Haushalts. Allerdings bedeutet das nicht automatisch, dass Alleinerziehende immer in Vollzeit tätig sein müssen oder auch wollen. Ist das Kind noch klein und ist kein umfassendes Betreuungsumfeld gegeben, ist dies oft auch gar nicht möglich.

Lebensentwürfe – und die individuelle Balance


Noch vor kurzem unbeachtet blieben die Lebensentwürfe bzw. -stile von Beschäftigten. Wie die berufundfamilie-Studie „Vereinbarkeit 2020“ jedoch deutlich macht, sind gerade sie es, die berufliche und private Entscheidungen beeinflussen.[1] Ein Großteil der Beschäftigten möchte sich etwa sowohl beruflich entwickeln als auch genügend Zeit für Familie und Privatleben haben. Für diese Beschäftigten sind z. B. Serviceleistungen für Familie wie die betriebliche Kinderbetreuung oder die Vermittlung eines Pflegeplatzes interessant, die ihnen Entlastung bieten und mehr Zeit für die Berufstätigkeit ermöglichen. Für einen anderen Teil der Beschäftigten ist es hingegen wichtiger, selber möglichst viel Zeit mit den Kindern zu verbringen oder sich in die Pflege eines Angehörigen einzubringen. Betriebs-Kita und Pflegeplatzvermittlung sind für diese Mitarbeiter*innen weniger interessant, dafür sind Angebote wie Home-Office attraktiv. Einen ganz anderen Fokus mag ein weiterer Teil der Beschäftigten haben – und zwar auf die Verwirklichung im Privatleben. Das können Personen sein, die z.B. längere Urlaubsreisen realisieren möchten und gerne von Arbeitszeitkonten oder flexiblen Arbeitszeiten Gebrauch machen. Auch wenn sie keine klassischen Familienaufgaben haben, sind sie Zielgruppe der Vereinbarkeit.

Lebensphasen, Lebensumstände und Lebensentwürfe finden durch die berufundfamilie besondere Beachtung. Sie sind essenzielle Faktoren, wenn es um die Vielfalt der Beschäftigten geht. Genau deshalb sollte eine strategisch ausgerichtete familien- und lebensphasenbewusste Personalpolitik neben den Aspekten des Diversity Management auch diese Lebensphasen, Lebensumstände und Lebensentwürfe mitdenken, um zu passenden und tragfähigen Vereinbarkeitslösungen zu gelangen.



[1] Institut für Beschäftigung und Employability (IBE) an der Hochschule Ludwigshafen in Zusammenarbeit mit der berufundfamilie Service GmbH, Vereinbarkeit 2020 – Von Lebensentwürfen zur individualisierten Personalpolitik, 2015, http://www.berufundfamilie.de/index.php/arbeitgeberattraktivitaet/lebensentwuerfe-personalpolitik

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