Donnerstag, 26. März 2026

Vereinbarkeit in Zahlen: Rolle rückwärts?

Wenn rückständige Weltbilder wieder Oberhand gewinnen
(Foto: Jon Cartagena on Unsplash, Wortwolke: berufundfamilie Service GmbH) 

Rassistische Denkmuster sind in Deutschland fest verankert: 2/3 der Bevölkerung halten bestimmte Kulturen für wertvoller als andere. Führungsdefizite führen zu einer geringen Bindung an den Arbeitgeber und die Geburtenrate liegt bei Paaren mit Homeoffice-Option höher. Mehr Studien aus der Arbeitswelt in der März-Ausgabe „Vereinbarkeit in Zahlen“.




Führungsdefizite lassen die Loyalität zum Arbeitgeber schwinden


Der neue Gallup Engagement Index offenbart, dass immer mehr Beschäftigte weniger an ihren Arbeitgeber gebunden sind und nicht mehr dazu bereit sind, mehr als das vertraglich Vereinbarte zu leisten.
In Zahlen bedeutet das: Lediglich 10% der Beschäftigten in Deutschland fühlen sich emotional eng an ihren Arbeitgeber gebunden. Das ist einer der niedrigsten Werte seit Beginn der Erhebung. Die große Mehrheit von 77% weist eine geringe emotionale Bindung auf. Etwa 13% der Befragten haben innerlich bereits gekündigt. Sie fühlen keine Bindung mehr zur Organisation und sind oft bereits aktiv auf der Suche nach einem neuen Job. Die fehlende Motivation hat auch massive volkswirtschaftliche Folgen. So schätzt Gallup die Kosten durch die geringere Produktivität jener Beschäftigten nur für Deutschland auf 119 bis 142 Mrd. € im Jahr. Beschäftigte mit fehlender emotionaler Bindung sind häufiger krank als hoch gebundene Mitarbeitende (9,7 Tage vs. 5,5 Tage jährlich).

Entscheidender Faktor für die fehlende Bindung sei die direkte Führungskraft. Den Beschäftigten fehlen oft Wertschätzung, klare Kommunikation und Feedback. Nur 23% der Mitarbeitenden sind überzeugt, dass die Geschäftsführung Herausforderungen in der Zukunft meistern wird.

Gallup Engagement Index 2025, März 2026
https://www.gallup.com/de/472028/bericht-zum-engagement-index-deutschland.aspx






Geburtenrate liegt bei Paaren mit Homeoffice-Option höher


Eine gemeinsame Studie des ifo-Instituts und der Universität Stanford in 38 Ländern zeigt: Paare, die Homeoffice nutzen können, bekommen mehr Kinder. Bei mindestens einem Homeoffice-Tag pro Woche steigt die Geburtenrate im Schnitt um 14%. Auf die Lebensspanne gerechnet bedeutet das für jede dritte Frau ein zusätzliches Kind im Vergleich zu Haushalten ohne diese Flexibilität.
Besonders groß ist der Effekt, wenn beide Partner*innen aus dem Homeoffice arbeiten können.

 ifo, Work from Home and Fertility, März 2026

https://www.ifo.de/pressemitteilung/2026-03-18/paare-im-homeoffice-bekommen-mehr-kinder




Ehegattensplitting als Bremse für Frauen


Das Ehegattensplitting erweist sich als Bremse für die Erwerbstätigkeit von Frauen. Laut einer DIW-Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung lohnt es sich für die Hälfte der verheirateten Frauen zwischen 45 und 66 Jahren finanziell schlichtweg nicht, ihre Teilzeitstellen aufzustocken. Da beim Splitting das Gesamteinkommen beider Eheleute halbiert und dann versteuert wird, verpufft der finanzielle Vorteil einer Arbeitszeiterhöhung häufig durch die Steuerlast.

Eine Reform des Ehegattensplittings birgt enormes Potenzial für den Arbeitsmarkt: Laut DIW-Berechnungen könnte allein bei Frauen das Arbeitsvolumen um knapp 5% steigen. In Vollzeitstellen umgerechnet entspräche das einem Plus von 175.000 Arbeitsplätzen. Diese Zahlen basieren auf einer repräsentativen Online-Befragung von rund 3.800 Frauen ab 45, in der gezielt nach Hemmnissen und Bedingungen für eine Rückkehr in die Vollzeit abgefragt wurden.


Bertelsmann Stiftung, Erwerbsbeteiligung von Frauen ab 45, Empirische Evidenz zum Einfluss finanzieller Anreize, März 2026
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/arbeitsmarkt/frauen-arbeit-106.html





Frauen in heterosexuellen Beziehungen sind selten Hauptverdienerinnen


In Deutschland bleibt die klassische Rollenverteilung beim Einkommen bestehen: Nur in rund jedem zehnten Paarhaushalt (9,9%) verdiente die Frau im Jahr 2025 mehr als ihr Partner. Die Zahlen basieren auf EU-weiten Erhebungen und wurden anlässlich des Internationalen Frauentags durch das Statistische Bundesamt veröffentlicht.
In der Mehrheit der Haushalte trägt somit weiterhin der Mann den größten Teil zum gemeinsamen Nettoeinkommen bei.
Während in über der Hälfte aller Partnerschaften (55,8%) der Mann das Haupteinkommen (mindestens 60% des Gesamteinkommens) erzielt, ist dies bei Frauen nur selten der Fall. 34,3% der Paare verdienen in etwa gleich viel, sodass keine*r der Partner*innen die 60-Prozent-Hürde für den Status als Hauptverdiener*in überschreitet.

Kinder im Haushalt verstärken die traditionelle Rollenverteilung beim Einkommen massiv. Während der Anteil der Hauptverdienerinnen auf 7,7% sinkt, steigt die Quote der Männer in dieser Rolle auf 64,6%. In etwa 28% der Fälle verdienen beide Partner*innen in etwa gleich. Laut Statistischem Bundesamt ist dieser Effekt direkt mit den unterschiedlichen Erwerbsbiografien und Arbeitszeitmodellen von Müttern und Vätern verknüpft. Hinzu komme, dass Frauen weiterhin schlechter bezahlt würden.

Statistisches Bundesamt, Zahl der Woche, Bei knapp 10 % der Paare ist die Frau die Haupteinkommensbezieherin, März 2026
https://www.tagesschau.de/wirtschaft/konjunktur/lohnunterschied-frauen-maenner-100.html





Rassistische Denkmuster in Deutschland stark verfestigt



Die aktuelle Untersuchung, die im Rahmen des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa) durchgeführt wurde, zeichnet ein alarmierendes Bild von verfestigten rassistischen Denkmustern in Deutschland. Rassistische Überzeugungen seien dabei weit mehr als ein Randphänomen: Ein Großteil der Befragten glaubt an angeblich naturgegebene Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien, und 2/3 der Bevölkerung halten bestimmte Kulturen für wertvoller als andere.

Diese Einstellungen spiegeln sich im Alltag vieler Menschen wider, die aufgrund äußerlicher Merkmale als „fremd“ markiert werden. Besonders betroffen sind Schwarze Menschen sowie als muslimisch wahrgenommene Personen. Während 1/4 der Schwarzen Menschen und 17% der Muslim*innen angeben, mindestens einmal pro Monat direkte Anfeindungen wie Beleidigungen, Bedrohungen oder körperliche Angriffe zu erleben, sind subtilere Diskriminierungen noch weiter verbreitet: 63% der Schwarzen berichten von monatlichen Erfahrungen wie Missachtung oder unfreundlicher Behandlung.

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie ist die damit einhergehende Erosion des Staatsvertrauens. Menschen, die häufig Diskriminierung erfahren, verlieren massiv das Vertrauen in Institutionen wie die Polizei, die Justiz und die Bundesregierung.

Studie im Rahmen des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (NaDiRa), März 2026
https://www.zeit.de/gesellschaft/2026-03/rassismus-deutschland-kulturen-ethnien-studie-gxe





57% der Gen-Z-Männer bewerten Frauenförderung als Nachteil für Männer


Die von Ipsos veröffentlichte Studie zum Weltfrauentag 2026 zeigt eine überraschende Rückkehr zu traditionellen Rollenbildern innerhalb der Generation Z. Junge Männer vertreten dabei oft deutlich konservativere Ansichten als die Generation der Babyboomer. Ein zentrales Ergebnis der Umfrage ist die Wahrnehmung der Gleichstellungspolitik: Während 61% der Gen-Z-Männer der Meinung sind, dass bereits genug für die Rechte von Frauen getan wurde, gehen 57% sogar so weit zu behaupten, dass Männer mittlerweile durch die Förderung von Frauen diskriminiert würden. Zudem fühlen sich 59% der männlichen Gen Z durch die Erwartungen, die Gleichstellung aktiv zu unterstützen, überfordert.

Auch im Hinblick auf das Privatleben und die Paardynamik dokumentiert die Studie einen Trend zum Patriarchat. So vertreten 31% der männlichen Gen Z die Ansicht, eine Ehefrau müsse ihrem Mann gehorchen – ein Wert, der bei den Babyboomer-Männern mit 13% signifikant niedriger liegt. 1/3 der jungen Männer beansprucht zudem das letzte Wort bei wichtigen Entscheidungen für sich, und fast 30% empfinden es als Problem, wenn die Frau ein höheres Einkommen erzielt als der Partner.
Diese Einstellung setzt sich in der Bewertung von Maskulinität und Vaterschaft fort. Jeder fünfte junge Mann befürchtet einen Verlust an Männlichkeit, wenn er sich intensiv der Kinderbetreuung widmet

https://www.zeit.de/news/2026-03/05/generationen-umfrage-gen-z-hat-rueckstaendigstes-rollendenken

 


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